Bardowick ist so eine Art Kartoffel- und Kürbisverkaufsstelle mit ein paar Häusern drum herum, und natürlich dem Dom. Wer ein Auto hat, der nehme es - vor allem Sonntags ist die Bahnanbindung lausig: alle zwei Stunden fährt der Bummel-Metronom. Die Zeit dazwischen kann man auf dem in der Pampa weitab von Dom und "Zentrum" liegenden Bahnhof wahlweise zum Erfrieren (bzw. Verdursten, im Sommer) oder zu-Tode-langweilen verwenden....
Auch der Charme des Ortes ist - nun ja, sagen wir: spröde.....

(In Bardowick halten Züge. Jedenfalls gelegentlich.)

(eine schmucke Unterführung weist den Weg.)

(jetzt fehlt bloß noch die Bardowicker Kurkarte....)

Der Dom kommt in Sicht.

(Zwillinge waren gerade aus, aber Drillinge gab's im Angebot. Bei Bedarf bitte melden - Mindestabnahme drei Stück!)

Nach gefühlten 10 km bei eisiger Kälte (glücklicherweise hatte ich mich nach einem Blick auf Google-Maps auf einen längeren Weg eingestellt und Wanderschuhe angezogen) stand ich dann vor dem Dom; um ihn herum viel Betrieb und volle Parkplätze.

Die schon ziemlich tief stehende Wintersonne ließ den roten Backstein regelrecht leuchten.

Nichts wie hinein - schon von außen waren Orgelklänge zu hören...

....die sich bei Eintreten in den Dom als außerordentlich schön erwiesen....

(weder Rauch noch Nebel, sondern ein beschlagenes Objektiv)


(Altar-Detail)



(vier Grußworte.....

.....im Gewölbe verhallend....)


Das bereits verteilte Programm für das 17.00-Uhr-Konzert in der Hand....

....kam in mir allmählich der Wunsch nach einem Heißgetränk auf - im Gemeindesaal der Domgemeinde war eine hohe Autoritäten-Konzentration anzutreffen...


Das eigentliche Konzert im rappelvollen Dom (ich setzte mich auf einen Art Tisch unter der Kanzel; erst, als der ebenfalls anwesende Barry Jordan mir sagte, daß dies ein Altar sei, fiel es auch mir auf.....ich blieb aber sitzen...)...



(Herrje - doch noch ein Grußwort! "....bevor nun die Orgel erklingen soll, lassen Sie mich, meine sehr geehrten Damen und Herren, die 1500-jährige Geschichte Bardowicks und seines Domes....." - nein, nein. Glück gehabt. Es war ein kurzes Grußwort, und ok von Umfang und Inhalt. An so einem Tag sollte man groß- und nicht kleinzügig sein.)





Zur Orgel: ein wundervolles Instrument, rund-warm-raumfüllend im Plenum, mit schön grundierenden Zungen, glänzenden, aber niemals schreienden Mixturen und überirdisch schönen Flöten. Was für Klangfarben, was für Nuancen - ein Traum. Im Nachhinein muß man ehrlicherweise sagen, daß Vogels Idee der "konzeptionellen Rekonstruktion", so kurios sie auf den ersten Blick scheint, durchaus aufgegangen ist: der Widerspruch zwischen Prospekt und Klang ist, sofern man ihn denn überhaupt empfindet, tatsächlich gar nicht störend. Diese Orgel ist ganz sicher um Klassen besser als die vorherige Furtwängler-Orgel, die ohnehin in ihrer (unter Alfred Hoppe zugrundegerichteten) Originalgestalt um die 30 Register auf lediglich zwei Manualen und Pedal hatte. Soweit sich das von unten beurteilen ließ, scheinen die Platzverhältnisse im Gehäuse (wie auf den Fotos zu sehen, war teilweise die Innenbeleuchtung an) trotz der gestiegenen Registerzahl immer noch sehr großzügig zu sein. Die Orgel steht relativ weit vorne auf der Empore (gut so!) und strahlt recht direkt in den Raum, die Akustik ist exzellent auch noch bei voller Kirche. Gar keine Frage: diese Orgel ist allemal ein Grund, nach Bardowick zu kommen (allzu viele Gründe mehr fallen mir so spontan nicht ein, die Bardowicker mögen es mir nachsehen.....na gut, wenn man dringend Drillinge braucht....), zweifellos eine Bereicherung der Lüneburger Orgellandschaft, da hat Harald Vogel nicht zu viel versprochen.
Das Konzert selbst war mir über weite Strecken ein wenig zu "akademisch", sowohl hinsichtlich des Programms als auch der Interpretation. Eine Mendelssohn-Sonate hätte ich als große Bereicherung empfunden - selbst einen kleineren Reger (sofern die Temperierung es mitmacht) wie z.B. Introduktion und Passacaglia d-moll, dazu ein großes Bach-P+F, etwa BWV 541 - oder warum nicht Es-Dur, das doch wie prädestiniert ist für so einen Anlaß? Immerhin gab's das "Piece d'orgue", aber ein wenig mitreißender, temperamentvoller, den ganzen großen Klang der Orgel voll ausnutzend, das hätte ich mir gewünscht..... Müthel, Oley, Carl Philipp Emanuel Bach - naja....außerdem: C.Ph.E. Bachs Fantasia con Fuga c-moll ausgerechnet zum Abschluß, da hätte ich die Es-Dur-Fuge wirklich passender gefunden......die 2 1/2 Seiten füllenden Erläuterungen zum Programm: jaja, theoretisch alles perfekt. Aber - ein wenig vulgär ausgedrückt -: man hätte doch gerne mal gehört, wie jemand aus reiner Freude "die Sau rausläßt". Wenn auch eine feinsinnige Sau; diese Orgel ist für bewußtes, genaues Musizieren, nicht für virtuosen Krach. Darauf mal Bachs Passacaglia, langsam aufregistriert.......

Aber alles egal: nach Bardowick zu fahren, das lohnt sich jetzt. Egal, ob per Zug oder Auto.