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Begasung des Holzwurmbefalls in Kirchenorgeln
ein Artikel von Dr. Gerhard Binker (Befähigungsscheininhaber für Begasungsmittel nach TRGS 512)



Der Gemeine Nagekäfer oder Gewöhnliche Nagekäfer (Anobium punctatum De Geer), umgangssprachlich wegen der Aktivität der Larven auch „Holzwurm" genannt (fälschlicherweise, denn die Larve ist kein Wurm), ist eine Art der Nagekäfer (Anobiidae) und befällt häufig auch Orgeln in Kirchen.


Foto 1: Imago (Adult) des Gewöhnlichen Nagekäfers (© Foto: H. P. Sutter)

In den 70iger und 80iger Jahren wurde der Holzwurmbefall an Orgeln fast ausschließlich mit flüssigen Holzschutzmitteln bekämpft. Begrenzte Eindringtiefen in Holz, Fleckenbildung durch Lösemittel und Vorbehalte gegen „Chemie“ aus dem „Xylamon-Holzschutzmittelskandal“ herrührend, haben die Anwendung flüssiger Holzschutzmittel mittlerweile stark zurückgedrängt. Heiß- oder Warmluftbehandlungen, auch feuchtegeregelt, erzeugen meist zu viele thermische Schäden an Orgelmaterialien und Leimen. Sie haben sich deshalb nicht bewährt.

Erst die Renaissance der Begasung durch die Erfindung der Gasreinigung beim Einsatz des in Europa neuen Begasungsmittels „Altarion® Vikane®“ (Wirkstoff: Sulfuryldifluorid) und des damit verbundenen völligen Ausschlusses von Korrosionen stellen eine neue Möglichkeit der Bekämpfung des „Holzwurms“ in Orgeln zur Verfügung. Und dies bei gleichzeitiger vollständiger Abtötung aller Schädlingsstadien des „Holzwurms“ in allen Holztiefen. Denn das Begasungsmittel „Altarion® Vikane®“ dringt wegen der zur Begasung notwendigen hermetischen Abdichtung der Orgel wie der zum Leben der „Holzwürmer“ notwendige Luftsauerstoff (auch ein Gas!) in alle Holzbereiche der Orgel ein. Nach der ausreichenden Einwirkzeit des Begasungsmittels am Ende der Begasung bleiben auch keinerlei chemische Rückstände in der Orgel zurück. Denn das Begasungsmittel gast am Begasungsende wieder vollständig aus. Mit einer Begasung ist somit aber auch kein vorbeugender Effekt verbunden. Erfahrungsgemäß hat sich Jahrzehnte nach Begasungen kein Neubefall etabliert. Bevor weiter auf die Begasung eingegangen wird, sind nachfolgend wesentliche Eigenschaften des Gewöhnlichen Nagekäfers dargestellt.

Der braun-schwarze Nagekäfer, genauer gesagt die Imago oder das Adult, ist zwischen 3,0 bis 6,0 mm lang. Die Flügeldecken sind rillenartig und mit Punkten besetzt (Name: punctatum!). Der Kopf ist unter dem Halsschild meist geschützt verborgen. Aus den vom Weibchen abgelegten Eiern entwickeln sich die Larven. Die Larven des Nagekäfers befallen verbautes, also kein frisch geschlagenes Holz. Der Gewöhnliche Nagekäfer ist ein Trockenholzschädling. Er befällt sowohl Nadel- als auch Laubholz sowie Splint- und seltener Kernholz und zwar unabhängig vom Alter des Holzes.


Foto 2: Nagekäfer-Larve (© Foto U. Noldt)

Es wird also Holz jeglichen Alters befallen! Der Gemeine Nagekäfer kann also durchaus auch jahrhundertealtes Holz besiedeln. Ohne Bekämpfungsmaßnahmen setzen die sehr ortstreuen Schädlinge ihre Fraßtätigkeit meist unvermindert fort, langfristig u.U. bis zur vollständigen Zerstörung der Holzbauteile, insbesondere in Kircheninnenräumen.

Dieser Schädling bevorzugt ein eher kühles und feuchtes Raumklima, weshalb er häufig in nicht beheizten, wenig oder nur sporadisch beheizten Räumen und Gebäuden, wie z.B. Kirchen, Keller- und Nebenräumen etc., zu finden ist. Der Gewöhnliche Nagekäfer befällt Hölzer bis zu einer Holzfeuchte von ca. 10% (und aufwärts).


Foto 3: Bohrmehlstaub durch Holzwurm-Larven in einer Orgel (© Foto Dr. G. Binker)

Aus den in Holzspalten oder Rissen abgelegten Eiern schlüpfen die Larven, diese fressen sich unter dem Ei nach unten ins Holz und dann immer weiter durch das Frühholz, wobei das Spätholz verschont wird und lamellenartig stehen bleibt. Nach mehreren Larvalstadien verpuppt sich die ausgewachsene ca. 6 mm lange Larve. Nach ihrer Wandlung schlüpft ein geschlechtsreifer Käfer aus der Puppe. Dieser Vorgang wird Metamorphose genannt. Die Ausfluglöcher im Holz sind kreisrund und haben einen Durchmesser von ein bis zwei Millimetern. Sie sind schrotschußartig verteilt. Der geschlüpfte Käfer sucht dann einen Kopulationspartner. Nach erfolgter Befruchtung legt das Nagekäfer-Weibchen seine ca. 30-40 Eier in Ritzen, Spalten und Gänge des Holzes. Meist sogar wieder in die alten Schlupflöcher. Die Käferweibchen legen also ihre Eier gerne wieder in das Holz ab, aus dem sie selbst geschlüpft sind. Hier setzt dann der Entwicklungszyklus von neuem ein. Die Entwicklungszeit der Larve dauert unter günstigen Laborbedingungen ein Jahr, bei ungünstigeren Bedingungen bis zu acht Jahre. Ja sogar 30 Jahre sind beobachtet worden. Der Nagekäfer ist flugfähig und kann sich vor allem bei höheren Temperaturen (ca. 20°C) fliegend neue Eiablageplätze suchen. Der Fraß der Larven konzentriert sich meist auf das Splintholz. Sind die Larven aktiv, erkennt man das an herausquellendem Holzbohrmehl. Legt man schwarzes Papier oder Ähnliches unter die betroffene Stelle, sieht man bei Befallsaktivität nach einiger Zeit Holzmehl auf dem Papier. Die Larven legen gelegentlich auch Fraßpausen ein.


Foto 4: Massive Schäden durch den „Holzwurm“ im Inneren einer Orgel (© Foto: Dr. G. Binker)

Auch andere Anobiiden wie Hadrobregmus pertinax (Trotzkopf), Ernobius mollis (Weicher Nagekäfer), Ptilinus pectinicornis (Gekämmter Nagekäfer) oder Xestobium rufovillosum (Gescheckter Nagekäfer) sind regelmäßig in Gebäuden anzutreffen. Der Gewöhnliche Nagekäfer kann in Dachstühlen mit einem Chemischen Verfahren oder Heißluftverfahren bekämpft werden, während in Kircheninnenräumen meist nur eine Begasung möglich ist.

Hierbei wird das bereits erwähnte Altarion® Vikane® verwendet. Handelsübliches Sulfuryldifluorid (=Wirkstoff des Begasungsmittels Altarion® Vikane®) enthält trotz seiner 99,8%igen Reinheit noch 0,2% Säuren und Säureanhydride. Diese korrosiven Beimischungen sind insbesondere im Kulturgut-Begasungssektor bei der Begasung von Kunstgütern oder Orgeln mit z.B. hochempfindlichen elektronischen Bestandteilen unerwünscht. Beim patentierten Altarion®-Viklean®-Verfahren wird das verwendete Begasungsmittel Sulfuryldifluorid vor dem Einleiten in die eingehauste Orgel über ein patentiertes Filtersystem geleitet, das dem Sulfuryldifluorid-Gas die herstellungsbedingten, sauren Verunreinigungen vollständig entzieht. Es wird somit nur säurefreies und hochreines Sulfuryldifluorid appliziert und Nebenreaktionen, wie bei anderen toxischen und reaktiven Begasungsmitteln, sind somit nicht möglich.


Foto 5: Holzbohrmehl und Kriechspuren des Gewöhnlichen Nagekäfers in einer Orgel (© Foto: Dr. G. Binker)

Selbst bei Orgelbegasungen in Kirchen zeigen die extrem empfindlichen, polierten Orgelpfeifen aus z.B. Blei-Zinn Legierungen keinerlei registrierbare Schäden, wenn das Vikane-Gas vor der Anwendung mit dem Altarion-Viklean®-Verfahren gereinigt wird. Untersuchungen an historischem Glas, Metallen, Pigmenten, Gold- und Silberauflagen, feuchtem Holz etc. ergaben unter den genannten Bedingungen ebenfalls keine Hinweise auf Materialveränderungen.

Sulfuryldifluorid ist hochwirksam, farblos, nicht brennbar, geruchlos und ungefähr 3,5x schwerer als Luft. Die höhere Dichte spielt bei Begasungen jedoch keine Rolle, da sich das eingesetzte Sulfuryldifluorid-Luft-Gemisch in den üblichen Anwendungskonzentrationen dichtemäßig kaum von Luft unterscheidet.


Foto 6: Einhausung einer Orgel zur Begasung (© Foto: Dr. G. Fröba)

Durch den extrem niedrigen Siedepunkt von -55°C von Sulfuryldifluorid besteht auch keine Gefahr der Kondensation an kalten Oberflächen und eine hohe Mobilität der Gasmoleküle ist selbst bei kalten Umgebungstemperaturen gewährleistet. Umweltstudien zufolge ist das Gas Sulfuryldifluorid weder krebserregend noch ozonschädigend.

Die Toxizität gegenüber Warmblütern ist bei Sulfuryldifluorid im Vergleich zu Methylbromid um 1/3 bis 1/2 schwächer. Üblicherweise kann eine Begasung im Zeitraum vom März bis November erfolgreich ausgeführt werden. Der Anwendungsbereiche für das Altarion-Viklean®-Verfahren ist die Bekämpfung von tierischen Holzschädlingen an überwiegend denkmalgeschützten Bauwerken (Verwendung von Vikane).


Foto 7: Gaseinleitestation im patentierten Altarion® Viklean®-Verfahren zur Reinigung des Begasungsmittels vor Ort
(© Foto: Dr. G. Binker)


Umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen an Holzschädlingen haben gezeigt, dass eine Bekämpfung aller Lebensstadien, d. h. Eier, Larven, Puppen und der Käfer erreicht wird. Die Wirkung des Begasungsmittels ist hauptsächlich abhängig von der Gaskonzentration, von der Behandlungsdauer und der Temperatur, bei der die Schädlinge behandelt werden.


Foto 8: Am Ende der Begasung wird durch Messgeräte nachgewiesen, dass keine Gasspuren in der
Orgel bzw. Kirche zurückgeblieben sind (© Foto: Dr. G. Binker)


Vor der Begasung wird hierzu die befallene Orgel mit gasdichten Folien abgedichtet. Über Schlauchleitungen wird das Gas aus den Stahlzylindern, welche außerhalb des zu begasenden Bereichs aufgestellt sind, in die Orgeleinhausung eingeleitet. Nach einer Einwirkzeit von 24 bis 72 Stunden erfolgt die kontrollierte Lüftung über Absauganlagen. Eine Freigabe zum gefahrlosen Benutzen der Orgel ist bereits innerhalb weniger Stunden nach der Lüftung möglich.

Die Begasung von Kirchenorgeln mit Altarion® Vikane® ist eine voll wirksame Methode, um den dortigen Anobienbefall nachhaltig abzutöten. Und dies ohne chemische Rückstände und ohne chemische Schäden zu hinterlassen.

Autor: Dr. G. Binker





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