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Die Orgeln der Marktkirche in Hannover

Die Goll-Orgel
Portrait einer Königin
Die italienische Orgel
Die Chor-Ensemble-Orgel
Die Geschichte der Orgeln in der Marktkirche


Die Goll-Orgel

• Gehäuse:
Entwurf von Prof. Dieter Oesterlen (Architekt Wiederaufbau Kirche)
Ausführung 1954 Emil Hammer und Rudolf von Beckerath
steht unter dem Schutz der Denkmalpflege

Ausmasse:
Höhe 12m, Breite 6m, Tiefe (HW) 2.4m, Tiefe (Pedal) 3.6m
neu: 40cm mehr Tiefe im Gehäuse: 12 cm nach hinten (1 Steintiefe), 28cm grössere Auskragung nach vorne

Stahlkonstruktion:
Einbau von 11 neuen Doppel-T-Trägern (8 unten, 3 oben)

Innenteile:
komplett neue Innenkonstruktion (Gerüste, Windladen, Trakturen, Spieltisch, Windanlage, …)

Pfeifen:
64 Register, davon 38 ganz oder teilweise aus der Vorgängerorgel (53% neues und 47% altes Pfeifenmaterial)
total 4'215 klingende Pfeifen, davon 422 aus Holz, zusätzlich 21 blinde Pfeifen im Prospekt

Spieltraktur:
4 Manuale (C-a3) und Pedal (C-f1) rein mechanisch, inkl. alle Koppeln

Registertraktur:
mechanisch mit zusätzlichen Elektromagneten für die Ansteuerung via Setzer (Doppeltraktur)

Setzer:
Vorprogrammierung von Registrierungen (10'240 Kombinationen)
Möglichkeit der Abspeicherung auf USB-Stick

Windversorgung:
3 Gebläse mit total 2.75 PS und einer Windleistung von 56m3/min.

Gewicht:
ca. 14 Tonnen

Bauablauf:
Vertragsunterzeichnung 22. Dez. 2005
Planungsphase Mitte 2006 - Mitte 2007
Abbau Gehäuse und alte Orgel 16. - 27. Juli 2007
Werkstattarbeiten in Luzern August 2007 - Mai 2008
technische Montage 13. Okt. - ca. Ende Nov. 2008
Intonation Januar - Mai 2009

Arbeitsaufwand:
total ca. 20.000 Arbeitsstunden

Einweihung:
Pfingsten 31. Mai 2009

Ausführung:
ORGELBAU GOLL AG, Luzern
http://www.goll-orgel.ch/


Disposition:

* ganzes Register oder
** teilweise mit bestehendem Pfeifenmaterial

II Hauptwerk C-a3 I Rückpositiv C-a3 III Schwellwerk C-a3 IV Echo C-a3 Pedal C-f1
** Principal 16' ** Principal 8' * Bourdon 16' *Holzgedackt 8' Untersatz 32'
* Praestant 8' Rohrflöte 8' ** Geigenprincipal 8' Flauto amabile 8' * Principal 16'
** Bordun 8' Quintadena 8' ** Principal maris 8' Salicet 4' Violonbass 16'
Viola da Gamba 8' ** Praestant 4' Cor de nuit 8' Fernflöte 4' * Subbass 16'
Doppelflöte 8' Blockflöte 4' Gambe 8' Flageolet 2' * Octave 8'
* Octave 4' Nasat 2 2/3' * Vox coelestis 8' * Vox humana 8' ** Gedacktbass 8'
Gemshorn 4' * Octave 2' * Octave 4' Klarinette 8' Violon 8'
* Quinte 2 2/3' Waldflöte 2' Traversflöte 4' Tremulant * Octave 4'
* Octave 2' * Quinte 1 1/3' * Nasat 22/3' * Hintersatz 2 2/3'
Mixtur major 2' Sifflet 1' * Octave 2' Kontraposaune 32'
Mixtur minor 1 1/3' Scharf 1' * Terz 1 3/5' * Posaune 16‘
* Cornett 8' * Sesquialtera ** Mixtur 2' * Trompete 8'
* Trompete 16' Dulcian 16' Basson 16' * Klarine 4'
* Trompete 8' Cromorne 8' * Trompette harm. 8'
Tremulant * Hautbois 8'
* Clairon 4'
Tremulant

Koppeln: I/II, III/II, III/I, I/P, II/P, III/P
rein mechanische Spieltraktur
doppelte Registertraktur (mech. und elektr.)
elektronischer Setzer

Gehäuse-Entwurf Prof. Dieter Oesterlen 1954


Portrait einer Königin

Seit über 600 Jahren erklingt in den Gottesdiensten der Marktkirche Hannover die Orgel als Königin der Instrumente. Häufig wurden die Instrumente umgebaut, erweitert oder durch neue Orgeln ersetzt. Gekrönt wird die Geschichte des Orgelbaus an der Marktkirche durch die neue Goll-Orgel.

Damit ist das 2002 begonnene Orgelprojekt der Marktkirche mit insgesamt drei Instrumenten abgeschlossen. Neben der großen Goll-Orgelim alten Gehäuse im Südschiff gibt es seit 2007 die italienische Orgel, erbaut 1780 durch Fabrizio Cimino auf einem fahrbaren Podest im Kirchenschiff und seit 2008 die neue Chor-Ensemble-Orgel auf der Sängerempore im Turm.

Heute verfolgen die Orgelbauer verschiedene Herangehensweisen zur Konzeption von Instrumenten. Das belebt die Musik- und Konzertpraxis und schafft ein weites Spektrum bei der öffentlichen Wahrnehmung von Orgelkultur: Neben den (restaurierten) Originalinstrumenten verschiedener Provenienz und Entstehungszeit gibt es deren Nachbauten, von „originalgetreu“ bis „inspiriert von…“. Auch genuine Neubauten im Pfeifenorgelbau können auf eine jahrhundertelange Erfahrung aufbauen. Sie verbinden diese Tradition mit heutiger Technik.

Die Firmen Hammer (Hannover) und von Beckerath (Hamburg) bauten 1953/54 die große neue Orgel der Marktkirche Hannover als eine der ersten großen Nachkriegsorgeln. Dieter Oesterlen entwarf den Prospekt mit dem auffallenden, singulären Gehäuse. Die barocken Orgelbauprinzipien setzten sich damals erst langsam wieder durch.
Spieltisch Goll-Orgel
Diese Orgel verfügte über mechanische Schleifladen und Trakturen, sowie über eine neobarocke Disposition und Intonation. Der Charakter der Orgel mit mehreren Werken (Hauptwerk, Oberwerk, Brustwerk sowie das Rückpositiv, welches hier schräg seitlich angeordnet wurde) ist deutlich sichtbar.

Schon bald war das Instrument sowohl technisch als auch klanglich nicht mehr befriedigend. Wegen der besonderen Aufstellung der Orgel im Seitenschiff und den zum Teil dadurch bedingten Bauproblemen verwundert dies nicht. Der grundtonarme, obertonreiche Klang wurde seit den 70er Jahren schrittweise modifiziert. Auch im technischen Bereich fanden mehrfach Umbauten an Windladen und Trakturen statt. Unter anderem erhielt die Orgel größere Prospektpfeifen.

Mit diesen Vorgaben war auch die eingangs erwähnte Frage nach dem klanglichen Konzept klar zu beantworten: Die stilistische Mitte sollte der mitteldeutsche und norddeutsche Orgelbau des 18. und 19. Jahrhunderts sein, wobei insbesondere das Rückpositiv in die ältere Musik und das Schwellwerk (Oberwerk) in die französische Sinfonik hineinragt. So kann die neue Goll-Orgel durch ihr Klangkonzept in Verbindung mit einer charaktervollen Intonation eine große Bandbreite der Orgelliteratur abdecken. Dem Negativ-Image der so genannten „Universalorgel“ - im Sinne einer Kompromisslösung - kann mit diesem Instrument etwas entgegengesetzt werden.

Ulfert Smidt


Die italienische Orgel

Die Italienische Orgel wurde 1780 von Fabrizio Cimino gebaut und 2003 von der Marktkirche Hannover erworben. Der Prospekt weist die unverwechselbare Architektur italienischer Orgeln des 18. Jahrhunderts auf – ein einfacher schrankförmiger Aufbau mit flacher Front. 2007 konnte sie durch die Gabe einer privaten Einzelspende technisch-klanglich sowie vom Gehäuse her restauriert werden. Die Arbeiten wurden von Orgelbaumeister Jörg Bente (Helsinghausen) und von Kunstrestaurator Paul-Uwe Dietzsch (Worpswede) ausgeführt. „Der Gesamteindruck der an ländliche Bauernmalerei erinnernden Orgelfassung konnte wiedergewonnen werden: blau-grüne Spiegelfelder mit einfacher illusionistischer Schattenmalerei, unbekümmert angelegte Ornamente, dazu ein versilbertes Gesims- und Pfeifenprospekt.“ (P.-U.Dietzsch).

Ihre 7 Register sind in der klassisch-italienischen Weise von Ripieno und Solo angeordnet, eine Pedaltastatur für Liegetöne ist „angehängt“. Zwei keilförmige Ziehbälge befinden sich im Untergehäuse, ein Gebläsemotor wurde 1996 ergänzt. „Diese kleine Orgel hat in ihrer 230-jährigen Geschichte viele Veränderungen und Reparaturen erfahren – nicht immer zu ihren Gunsten. Wir haben mit der Restaurierung versucht, die historische Substanz zu bewahren und das alte Klangbild wiederzubeleben. Abschließend wurde das Instrument mitteltönig gestimmt, was dem milden Klang seine unerhörte Farbigkeit zurückgibt.“ (J. Bente).

Der Orgelbau in Italien hat von der Renaissance an einen Typus entwickelt, der bestimmte feste Parameter enthält und damit eine geniale Beschränkung auf das Wesentliche darstellt:

• Die Disposition besteht fast ausschließlich aus Prinzipal-Registern (mit Ausnahme der Flauto duodecima), die das Ripieno bilden; sie enthält immer den Principale 8’, (der bei kleineren Orgeln bei cº oder, wie in diesem Fall, im Prospekt erst bei fº beginnt, darunter Holz offen bzw. Holz gedeckt),

• Die Schleife der Ottava 4’ beginnt erst ab B (somit werden die Basstöne auch bei einer reinen Pr. 8’-Registrierung immer durch den 4’ verstärkt),

• In den höheren Registern sind die Pfeifen im Diskant nie kleiner als 1/8’. Sie repetieren an jener Stelle um eine Oktave nach unten. Dies verleiht der Orgel einen milden Glanz.

• Der Winddruck ist niedrig (ca. 40 mmWS), was eine sehr vokale Klanggebung ermöglicht.

Somit stellt die italienische Orgel in der Marktkirche Hannover ein authentisches Zeugnis italienischer Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts dar und ist – insbesondere durch die terzenreine, mitteltönige Stimmung – geeignet für die große Fülle an Kompositionen zwischen 1500 und ca. 1800.


Disposition:

- Manual C, D, E, F, G, A-c³
- Principale 8' (C - F Holz gedeckt, G - eº Holz offen, f - h' Prospekt, ab c² Innenpfeifen; C - dº immer klingend, Schleife erst ab esº)
- Ottava 4' (C - E Holz, offen; ab F Metall; C - A immer klingend, Schleife erst ab B)
- Decimaquinta 2' (Metall)
- Decimanona 1 1/3' (Metall, repetiert auf es²)
- Vigesima seconda 1' (Metall, repetiert auf h')
- Voce umana (ab c', Metall, unterschwebend)
- Flauto a Duodecima 2 2/3' (ab fº, Metall)
- Tiratutti (zieht alle Ripieno-Register ausser Principale)

Angehängtes Pedal C, D, E, F, G, A, B, H

Winddruck: 40mm WS
Stimmung: mitteltönig auf 440 Hz
Windversorgung: 2 Keilbälge im Untergehäuse, an ein Gebläse angeschlossen, auch manuell bedienbar

Erbaut 1780 von Fabrizio Cimino im neapolitanischen Stil
Instandgesetzt 1996 von Giorgio Carrara, Rumo (Italien)
Restauriert 2007 von Orgelbaumeister Jörg Bente und Kunstrestaurator Paul-Uwe Dietzsch

Ulfert Smidt


Die Chor-Ensemble-Orgel

Ein besonderes Instrument ist auch die Chor-Ensemble-Orgel in der Marktkirche. Aus zweierlei Gründen: Die Aufstellung im Raum und das klangliche Konzept.

„Das eigentliche Wesen und die Schönheit des Baues und seines Innenraumes liegt (…) in der schmucklosen Wucht und ruppigen Großartigkeit“ (Dieter Oesterlen, Architekt des Wiederaufbaus nach 1945)

Der Platz, an dem jetzt die Chor-Ensemble-Orgel steht, war seit Beginn der Orgelbaupläne 1996 Dreh- und Angelpunkt aller Überlegungen.

Heutiges Weiterbauen an diesem über 600 Jahre alten Bau kann aus meiner Sicht verantwortbar geschehen durch Aufnehmen und Ergänzen des Vorgefundenen in seiner zeitgebundenen Aussage, ohne es revidieren zu wollen, durch Hinzufügen einer weiteren Zeitschicht zu den bisher ablesbaren“, so schreibt der Architekt der neugestalteten Chorempore, Manfred Hofmann. Das Ergebnis ist eine in den Raum und die Chortreppung integrierte vielseitige Orgel, die sich optisch zurücknimmt, ohne sich stilistisch an Vorhandenes anzubiedern. Für das neue Instrument, erbaut 2007/08 von der Orgelbaufirma Hermann Eule (Bautzen), standen somit lediglich die beiden Seitenwände (Orgelgehäusetiefe jeweils 95cm) zur Verfügung, mit einem mittig platzierten Spieltisch – in dem separat vom übrigen Pfeifenwerk auch das Musiziergedackt untergebracht ist. Hinter der Orgel befinden sich zwei große, aufklappbare Holz-Reflektorwände zur besseren Klangabstrahlung für Chor, Orgel und Instrumente.

Das Klangkonzept der 15 Register – 13 klingende Stimmen und 2 Transmissionen – orientiert sich dispositionell an den französischen Chororgeln v.a. des 19. Jahrhunderts (z.B. in Châteauvillain, Cavaillé-Coll, II/10, 1877; Zaitzkofen, Mutin, II/11, 1905), ist aber hinsichtlich Mensurierung und Intonation eher von der deutsch-romantischen Klangästhetik, z.B. Friedrich Ladegasts inspiriert.

Die mechanische Oktavkoppel (II/4’ an I) in Verbindung mit einem Manualumfang bis c4 ermöglicht eine vielfältige Nutzung der Register des Schwellwerkes: z.B Trompete 4’, Progressio als helle Mixtur, Fugara 2’ u.v.a.

Eine weitere dispositionelle Besonderheit stellt das zweifache, auf 16’ basierende Cornett im Hauptwerk dar, das aus 5⅓’ und 31/5’ besteht und bei c1 beginnt. Vorbilder hierfür finden sich beim Orgelbauer Ernst Röver um 1890. Durch den Umfang bis c4 kann es aber, oktaviert gespielt mit Bordun und Flöte, auch als normales Cornet decomposé genutzt werden. Das Musiziergedackt 8’ im Spieltischgehäuse ist in unmittelbarer Nähe des Orchester (basso continuo); es ist mechanisch umschaltbar von 440 Hz auf 415 Hz. Die Einstimmung dieses Registers kann wie bei einer Orgeltruhe problemlos von einer terzenreinen Stimmung (etwa für Schütz-Motetten) bis zur Bach-Stimmung (z.B. Valotti) verändert werden. Es wird vom 2. Manual aus angespielt und ist somit per Oktavkoppel auch als 8’plus 4’ verwendbar.


Disposition:

Hauptwerk (C-c4)
- Bordun 16’ C-h Fichte, ab c1 Metall
- Principal 8’ Prospekt, 75% Zinn
- Flöte 8’ Metall offen, zylindrisch, Expressionen bis c4
- Oktave 4’ Expressionen bis c4
- Cornett 2-fach ab c1, 5⅓’ und 31/5’

Schwellwerk (C-c4)
- Lieblich Gedackt 8’ C-H Fichte, ab c0 Metall
- Gambe 8’ ab C offen, Expressionen bis c4
- Unda maris 8’ ab c0, unterschwebend
- Flauto traverso 4’ C-H Fichte/Birnbaum, innen labiert, ab c0 Metall, ab c1 überblasend
- Fugara 4’ Metall, Expressionen bis a²
- Progressio 3-4 fach C 2’, c0 2⅔’, die Fugara gehört dazugezogen
- Trompete 8’ deutsche Bauart mit Rundkehlen, Becher Zinn, ab c² doppelte Länge

Separat im Spieltisch (H/C-c4, Umschaltung 440/415 Hz)
- Musiziergedackt 8’ H/C-fis² Fichte/Birnbaum, ab g² Metall

Pedal (C-f1)
- Bordun 16’ Transmission aus HW
- Flöte 8’ Transmission aus HW


Koppeln: II/I, II 4’/I, I/Ped, II/Ped
Tremulant: für Schwellwerk (Drucktremulant)
Stimmung: 440 Hz bei 17º Celsius
Temperierung: Neidhardt III „für eine große Stadt“, modifiziert
Winddrücke: HW: 71 mmWS, SW: 73,5 mmWS, Mus.gedackt: 71 mmWS
Trakturen: mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur
Setzeranlage: 4000 Kombinationen auf 4 Speicherebenen

Konzeption/Disposition: Hans-Ulrich Funk, Axel Fischer, Ulfert Smidt, Armin Zuckerriedel
Technischer Aufbau: Ronny Hennersdorf und Team
Intonation: Gregor Hieke, Michael Friedel

(Ulfert Smidt)

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Geschichte der Orgeln der Marktkirche Hannover
(von Axel Fischer und Christian Michel)


Einleitung

Die Marktkirche Ss. Georgii et Jacobi zu Hannover verfügt ihrem Rang als Stadtkirche gemäß über eine lange und reiche Orgelgeschichte. Bereits in früheren Jahrhunderten wurden die Instrumente der Kirche von bedeutenden Orgelbauern errichtet, umgebaut sowie klanglich und konzeptionell den Erfordernissen der sich wandelnden Orgelmusik und deren angemessener Darstellung angepasst. Im Folgenden soll eine Übersicht der Geschichte mit den wichtigsten Daten gegeben werden. Eine ausführliche Abhandlung mit Verzeichnissen und Hinweisen zu Quellen und Literatur ist im „Orgelbuch Marktkirche“, der Festschrift zur Einweihung der neuen Goll-Orgel zu Pfingsten 2009, enthalten.

Hinweise auf Orgeln in vorreformatorischer Zeit

1328
In diesem Jahr erfolgte eine testamentarische Übertragung von Hausbesitz zugunsten von Orgeln (Plural !): ein Zins “ad necessaria organorum Sancti Georgii”, wobei nicht sicher bestimmbar ist, ob sich diese Angabe noch auf die alte oder bereits auf die neu zu erbauende, zukünftige Kirche bezogen hat.

1403
Bei Bestallung eines neuen Küsters wird zum ersten Mal eine Orgel in der wenige Jahrzehnte zuvor vollendeten Kirche erwähnt.
Im Mittelalter befand sich der Standort der Orgel an der Seite der St. Annen-Kapelle im nördlichen Seitenschiff. Die Kapelle und die benachbarte Sakristei waren an das 2.-4. Joch des nördlichen Seitenschiffs angebaut und mit ihren Obergeschossen emporenartig zum Kirchenraum geöffnet.

1441
In der Stiftung des Johannes Borchwede von 1441 wird ein Organist und ein Kalkant (Bälgetreter) erwähnt.

1533
Die Reformation scheint keinen großen Einfluss auf die Situation der Orgel der Marktkirche gehabt zu haben. Das Instrument wurde weiter gepflegt und anscheinend auch umgebaut. Denn in den Zeitraum um 1533 fällt ein überlieferter Hinweis, wonach der Rat das im verlassenen Minoritenkloster vorgefundene Silber der Münze überantwortete, um daraus Geld zu schlagen zur Herstellung noch fehlender Stimmen der Marktkirchenorgel.

Die Orgel von Henning Henke, Severin Krosche und Andreas de Mare

1589-1594
Im Jahr 1589 wurde mit dem Bau der ersten Orgel auf der Westempore der Marktkirche durch die Orgelbauer Henning Henke und Severin Krosche aus Hildesheim begonnen. Sie vollendeten den Orgelneubau in der Marktkirche allerdings nicht zu zweit: Andreas de Mare stellte 1594 das Instrument fertig.

1605
In diesem Jahr fügte Conrad Abt, Orgelmacher von Minden, dem vorhandenen Instrument neue Stimmen (Register) hinzu.

1630
Einen Umbau mit Erweiterung der Orgel um einige Register nahm der Orgelbauer Adolph Compenius im Jahre 1630 vor.

1665
fanden umfangreiche Arbeiten an der Orgel durch Friedrich Besser aus Braunschweig statt. Im Anschluss daran wird den damaligen Organisten der Marktkirche ein überdurchschnittlich gutes Instrument für ihren Dienst zur Verfügung gestanden haben wird. Es ist dies die Zeit, in der Melchior Schildt (1592-1667), Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck und einer der bedeutendsten Vertreter der norddeutschen Schule, das Organistenamt an der Marktkirche in der Nachfolge seines Vaters ausübt.

1680
Laut Fabrikregister der Marktkirche aus dem Jahre 1680 hat Martin Vater an der Orgel gearbeitet.

Die von Christian Vater vergrößerte Orgel

1730-1733
Christian Vater, Hoforgelbauer in Hannover seit 1707, verfasste am 23. Mai 1730 eine Eingabe, in der er sich für eine Renovierung der Orgel in der Marktkirche aussprach. Im Jahre 1733 erfolgte dann eine umfangreiche Orgelreparatur sowie Vergrößerung des Instrumentes durch Vater. Ausführliche Eintragungen im Fabrikregister der Marktkirche, Jg. 1732/33, bestätigen seine Arbeit an der Orgel. Vermutlich hat er die alte Orgel um ein Brustwerk erweitert und in den anderen Werken zusätzliche Stimmen eingebaut. Christian Vater muss dieses Instrument sehr sorgfältig und dauerhaft eingerichtet haben, denn der Orgelbauer Eduard Meyer übernahm über 120 Jahre später ausgewählte Register in ein neues, stilistisch anderes Instrument.

1795
Für dieses Jahr ist eine Reparatur ohne weitere Angaben überliefert. Der damalige Hoforgelbauer Wilhelm Heinrich Baethmann, Hannover, könnte sie ausgeführt haben.

1829/30
erfolgte der Einbau eines neuen Pedalregisters Subbass 16‘ durch Orgelbauer Ernst Wilhelm Meyer. Vermutlich zu diesem Zeitpunkt erhielt die Orgel der Marktkirche eine gleichschwebende Stimmung.

Der Orgelneubau durch Eduard Meyer

1855/56
In den Jahren 1852 bis 1855 erfolgten nach Plänen des Stadtbaumeisters Ludwig Droste umfangreiche Umbau- und Innenrenovierungsarbeiten in der Marktkirche. In der Turmhalle wurde ein Zwischengewölbe eingezogen mit neuer Empore, auf der Eduard Meyer, Sohn des letzten hannoverschen Hoforgelbauers Ernst Wilhelm Meyer, eine neue 46-stimmige Orgel hinter einem zeittypischen neogotischen Gehäuseprospekt errichtete. Dabei verwendete er insbesondere viel alte Pfeifensubstanz, mindestens aus der Zeit Christian Vaters, eventuell auch aus noch früherer Zeit. Der Klang dieses Instrumentes, basierend auf gemischt alt-neuem Pfeifenmaterial, wurde bis in die 1940er Jahre gelobt.

Die Wiedereinweihung der Marktkirche erfolgte am 29. November 1855. Meyer hatte allerdings durch parallel laufende Arbeiten Schwierigkeiten mit der Fertigstellung und so konnte er die Orgel zu diesem Termin spielbar, aber noch nicht völlig fertig herstellen. Die Abnahme der Arbeiten scheint dann erst im April 1856 erfolgt zu sein.

Umbau und Zerstörung

1893
Im Zuge einer Neuausmalung des Innenraums der Marktkirche nahm die Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer einen erweiternden Umbau der Orgel vor. Dabei wurde insbesondere die Registerzahl des III. Manuals erhöht und weitere Veränderungen an der Disposition vorgenommen. Die wesentliche Anlage des Instrumentes mit Schleifladen und Pfeifenwerk blieb ansonsten unverändert.

1940-1941
Letzte Umbauarbeiten an der Orgel im Sinne der „Orgelbewegung“ fanden 1940/41 statt. Zum Teil wurden dabei spätere Dispositionsänderungen rückgängig gemacht.

1943-1946
Mit den 1943 einsetzenden schweren Bombenangriffen auf Hannover wurde die Marktkirche und mit ihr die Orgel stark beschädigt: bei Angriffen am 26. Juli und 9. Oktober 1943 und am 10. November 1944 brannte der Turm aus, die Gewölbe im Langhaus stürzten ein und der Dachstuhl wurde schwer beschädigt. Der massive Turmbogen, in dem die Orgel stand, scheint hierbei das Instrument vor einem Totalschaden bewahrt zu haben. Von Seiten des Stadtkantors Gustav Sasse bestanden Pläne für eine Auslagerung des Instrumentes. Dazu scheint es aber nicht mehr gekommen zu sein. 1946 wird das schwer beschädigte Instrument beim Wiederaufbau beseitigt.

Die Nachkriegszeit

1947-1951
Sehr bald nach Kriegsende wurde der Innenraum der Kirche von Trümmern befreit und wieder provisorisch genutzt. Für die Gottesdienste verwandte man ein Positiv mit 5 Registern der Fa. Hillebrand. Parallel zum Wiederaufbau ab 1946 entstanden auch erste Planungen für einen Orgelneubau. Kostenanschläge und Dispositionsentwürfe für eine neue Orgel wurden durch die Firmen Hammer und von Beckerath eingereicht. Dabei ging man noch von der Mittelempore als Standort aus.

Mit einer Entwurfszeichnung von Erich Thienhaus aus dem Jahre 1951 für einen neuen, asymmetrischen Orgelprospekt, die wohl die Basis für Oesterlens späteren Entwurf war, scheint die Planung für eine Orgel auf einer Seitenempore im Südschiff eingesetzt zu haben.

Der Neubau 1953/54

Schließlich kam es 1953/54 zum Bau einer neuen großen Orgel am westlichen Ende des südlichen Seitenschiffs durch die Firmen Hammer (Hannover) und von Beckerath (Hamburg) nach dem Prospektentwurf von Dieter Oesterlen. Hammer baute die Windladen, die Labialpfeifen, die Traktur und den Spieltisch. Von Beckerath erstellte die Pfeifenmensuren, baute die Zungenregister und führte die Intonation durch. Während der Arbeiten kam es allerdings immer wieder zu Verzögerungen. Am einschneidendsten wirkte sich die durch Oesterlen veranlasste nachträgliche Stauchung des Gehäuses in der Tiefe um ca. 1 m aus, um das benachbarte Fenster frei zu lassen. Große Teile des bereits gebauten technischen Innenlebens der Orgel mussten umgebaut und versetzt werden, die technische Anlage wurde unnötig verkompliziert. Die Enge im Gehäuse vergrößerte sich, viele Bereiche waren für Wartungsarbeiten nur noch schwer oder gar nicht mehr zugänglich. Hier dürfte die Hauptursache für die große Anfälligkeit und Reparaturbedürftigkeit der Orgel liegen: Sie wurde von außen nach innen von einem Architekten geplant - ohne Rücksicht auf orgelbautechnische Belange.
Die für Oktober geplante Einweihung musste verschoben werden und fand schließlich am 1. Advent, dem 28. November 1954, statt.

Trotz aller Probleme beim Bau und danach erlangte das Instrument schnell Berühmtheit. Das Design des Orgelgehäuses mit seinen geschwungenen Linien im Nierentisch-Design galt als einer der wichtigsten und aufsehenerregendsten Entwürfe in diesem Bereich zu jener Zeit. In vielen Standardwerken zum Orgelbau wurde das Werk benannt und abgebildet.
Die Pflege der Orgel übernahmen gemeinsam die Firmen Hammer (technischer Teil) und von Beckerath (klanglicher Teil).

1955
gab es bereits erste Klagen über den Zustand des Instrumentes, besonders der Zungenregister. Verschmutzung der Orgel mit Baustaub und Beschädigungen gerader kleiner Pfeifen bei Stimmarbeiten im sehr engen Gehäuse führten wohl dazu. Im Rahmen einer Generalstimmung, die noch 1955 erfolgte, führte von Beckerath eine Nachintonation der Zungen und eine Erhöhung des Winddrucks im Pedal durch. Außerdem bekam das Pedal nachträglich eine Seitenwand zum benachbarten Süd-Fenster hin, um das Pfeifenwerk vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen.

1964
Der technische Zustand der großen Orgel verschlechterte sich in den 60er Jahren weiterhin, so dass erste Planungen zu einer gründlichen Überholung angestellt wurden.
Gustav Sasse führte in einem Brief an den Kirchenvorstand der Marktkirche vom 10. Januar 1964 als wichtigste Maßnahmen die Überarbeitung der Windladen, die Aufarbeitung der Spieltraktur, den Einbau einer elektrischen Registertraktur mit drei freien Kombinationen und ersten kleinere Dispositionsänderungen auf.

1967
trat Manfred Brandstetter die Nachfolge von Gustav Sasse an. Auch er verfolgte nachdrücklich die Instandsetzung der Orgel. Sie befindet sich „in einem desolaten Zustand“ (M. Brandstetter).

1968
führte von Beckerath erste Überholungsarbeiten durch. Es wurde eine Teilreinigung vorgenommen und die Zungenstimmen wurden aufgearbeitet. Die große technische Instandsetzung musste aus Zeit- und Geldmangel noch aufgeschoben werden.

Die Umbauten seit 1970

Seit Ende der 60er Jahre gingen die Planungen über eine große technische Instandsetzung hinaus in Richtung eines grundsätzlichen Umbaus. Dabei wurden u.a. die Firmen Flentrop/Niederlande und Marcussen/Dänemark zu Rate gezogen. Die Firma von Beckerath/Hamburg brach über Unstimmigkeiten in den Planungen die Kontakte zur Marktkirche ab.

1970
wurde der Beschluss zur Auftragsvergabe der Renovation an die Fa. Rensch (Lauffen/Neckar) gefällt.

1972
wurden im Sommer und Herbst die Umbauten durchgeführt. Sie waren gerade im technischen Bereich sehr umfangreich (u.a. Bau neuer Windladen für HW und OW, Schwellkasten OW, neue Trakturen). Die Änderungen in der Disposition zielten auf ein französisch-symphonisches Konzept. Am 3. November 1972 wurde die Orgel wieder eingeweiht.

Ab 1972
Bis in die 1990er Jahre wurden immer wieder Änderungen an der Disposition vorgenommen. Dies änderte allerdings nichts an der Substanz. Der sich weiter verschlechternde Zustand der Orgel und die hohen Kosten für Reparatur und Pflege führten seit den 1990er Jahre schließlich zu Überlegungen für einen grundlegenden Umbau bzw. für einen Neubau auf der Westempore.

1996
wird ein Konzept zur Renovierung aufgestellt und fünf Orgelbauwerkstätten dafür angeschrieben. Allein die Werkstatt R. Janke aus Bovenden bei Göttingen gibt ein konkretes Angebot ab. Zusätzlich werden Überlegungen zum Bau einer zweiten Orgel unten im Kirchenraum, einer sog. Bach-Orgel mit ca. 35 Registern, und der Anschaffung einer mobilen Chororgel angestellt.
In diesem Jahr trat Ulfert Smidt die Nachfolge von Manfred Brandstetter an.

1997-2001
Seit 1997 wurden konkrete Planungen zum Neubau der Orgel und der Sängerempore im Westen angestellt. 1998 wurde ein beschränkter Architektenwettbewerb für Lösungsmöglichkeiten für die Gestaltung der Empore und des Orgelprospekts ausgelobt. Als Orgelbauer wurde Jürgen Ahrend vorgesehen.
Dieser Anlauf für einen Neubau zum Expojahr 2000 scheiterte allerdings an der Intervention des Denkmalamtes. Die Gestaltung des Innenraums des Marktkirche wurde in der durch Oesterlen beim Wiederaufbau gegebenen Form unter Denkmalschutz gestellt. Dazu gehörte auch der Orgelprospekt, der damit ebenfalls unter Schutz gestellt wurde und erhalten werden muss.

Das Orgelprojekt Marktkirche

2002
wurde begonnen das „Orgelprojekt Marktkirche“ zu konzipieren. Die Planungen sahen drei Instrumente vor: Neubau einer großen Orgel am alten Standort Südschiff im alten Gehäuse, Neubau einer Chor-Ensemble-Orgel auf der Sängerempore im Turm verbunden mit deren Neugestaltung und Aufstellung einer mobilen Kleinorgel im Altarraum.

2003
wurde eine italienischen Orgel, erbaut 1780 durch Fabrizio Cimino im neapolitanischen Stil, angekauft und auf einem fahrbaren Podest im Kirchenschiff aufgestellt.

2007
wurde im Juli die großen Orgel abgebaut. Damit begannen die vorbereitenden baulichen Maßnahmen zur Neuaufstellung des Instrumentes, es musste u.a. ein neues Trägerwerk eingezogen werden, und der Umbau der Sängerempore im Turm.
Im selben Jahr wurde die italienische Orgel restauriert und am 8. September wieder eingeweiht.

2008
wurde am 16. Februar die Chor-Ensemble-Orgel, auf der Turmempore erbaut durch Hermann Eule Orgelbau (Bautzen), eingeweiht.

2009
wurde am Pfingstsonntag, den 31. Mai, die neue große Orgel, erbaut am alten Standort im Südschiff in der Gestalt von 1954 durch die Fa. Goll (Luzern), eingeweiht.


Fotos:  Dennis Götte, Christian Michel und Hans-Werner Herbst
Mit freundlicher Genehmigung der Kirchengemeinde
OI-H-27



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Marktkirche Hannover