Wenn Sie zur Mitte des Hauptschiffes gehen, haben Sie einen guten Überblick. Schauen Sie nach oben, so sehen Sie über dem Chor eine besonders schöne mittelalterliche Kreuzigungsgruppe, das älteste Bildwerk der Kirche, um 1495 geschaffen. Unter dem Kreuz stehen Maria, Jesu Mutter, und Johannes, sein Lieblingsjünger. Wie Wächter stehen Petrus und Paulus an den Pfeilern vor dem Hohen Chor, der mit seinen gotischen Rippenbogen die Blicke nach oben führt. Die Stukkaturen der Engel und Pflanzen erwecken den Eindruck eines himmlischen Gartens.
Wie ein Schirm wölbt sich die Decke über den Altar. Beschirmt, beschützt dürfen die Menschen zum Altar gehen. Dieser so schmuckreiche, farbenfrohe Flügelaltar zeugt vom Kunstschaffen der Zeit von der Spätrenaissance zum Barock. In den Bildern kommt Jesus den Menschen ganz nahe. Die Epitaphe im Chorraum sind Gedenksteine an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die seit dem 15. Jahrhundert in Celle residierten.
Ein besonderes Kleinod ist der 400-jährige Taufstein mit seinen sechs Alabasterreliefs in der gotischen Taufkapelle. Der Bergpredigeraltar des Celler Künstlers Erich Klahn bildet einen eindrucksvollen Gegenpol.
Als Herzog Ernst der Bekenner mit seinem Generalsuperintendenten Urbanus Rhegius die Reformation im Celler und Lüneburger Land einführte, wurde die ursprüngliche Marienkirche eine evangelische Gemeindekirche, eine Predigtkirche.
Für die schmuckreiche barocke Ausgestaltung sorgten später italienische Kunsthandwerker. Sie findet besonders Ausdruck in den Mustern und Formen der Stukkaturen des Tonnengewölbes. Die Kanzel wurde von dänischen Kunsthandwerkern geschaffen. An der nördlichen Empore sind Bilder zum Neuen Testament, an der südlichen zum Alten Testament zu sehen, die wie eine Bilderbibel angeschaut werden können. Umgeben von Emporenbildern ragt der reichgeschnitzte, eindrucksvolle Orgelprospekt auf, hinter den 1999 ein neues Werk nach den ursprünglichen Plänen von 1687 eingebaut wurde.
Die dem südlichen Seitenschiff angegliederte Petershalle mit Kruzifix und Altartisch aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde als vielgenutzter Raum der Stille eingerichtet.
In der Fürstengruft des Welfenhauses ist auch die Prinzessin Sophie Dorothea beigesetzt worden, die als Prinzessin von Ahlden bekannt war. Sie war die Grossmutter Friedrichs des Grossen. Als letzte wurde hier die Königin Caroline Mathilde von Dänemark bestattet. Dänische Besucher legen manchmal Blumen auf den Sarg.
Im Sommerhalbjahr können Sie den 74 m hohen Turm besteigen. Von hier aus haben Sie einen herrlichen Blick über die Stdt und das weite Celler Land.
Die Glocken der Stadtkirche erklingen weit über die Altstadt hinaus, und der Turmbläser lässt die Menschen aufhorchen, wenn er morgens und abends einen Choral bläst. In der Turmhalle und bei den Eingängen finden Sie Einladungen, Hinweise auf die Gemeindearbeit und auf Veranstaltungen. Am Büchertisch erhalten Sie Kunstführer und Karten, die Ihnen helfen, mehr von der Kirche zu erfahren und zu entdecken.
Wenn Sie die Kirche und die Stadt Celle verlassen und zurückblicken, sehen Sie den Stadtkirchenturm. Er ist ein Wahrzeichen der Stadt, ein Zeichen der Wahrheit der Glaubensbotschaft, denn Kirchen erzählen vom Glauben.
Geschichtliches aus Stadt und Stadtkirche
Die Stadt Celle entstand aus dem Markt Celle, dem heutigen Altencelle, das im späten 10. Jahrhundert als “Kellu” bezeugt und ca. 4 km südöstlich vom jetzigen Stadtzentrum entfernt ist. Der Name Celle entstammt dem sächsischen Wort “Kellu” und bedeutet “am Wasser gelegen”. 1292 verlegte Herzog Otto der Strenge (1282-1320), ein Urenkel Heinrichs des Löwen, seine Burg und den Ort flussabwärts auf eine Talsandinsel am Zusammenfluss von Aller und Fuhse. In dieser Zeit wurde auch der Grundstein für die im Jahre 1308 der hlg. Maria geweihten Kirche gelegt. Als wichtiger Schnittpunkt sich hier kreuzender Heer- und Handelsstraßen, wehrtechnisch und strategisch günstig gelegen, blühte die Stadt schnell auf.
1371 nahm Herzog Magnus hier seine Residenz, und 1378 verlegte Herzog Albrecht die Residenz des Fürstentums Braunschweig-Lüneburg von Lüneburg nach Celle. Nach dem Ende des Lüneburger Erbfolgekrieges 1388 wurde Celle welfische Residenz und blieb es bis zum Erlöschen der Celler Linie im Jahre 1705. Handel und Schifffahrt sowie die fürstliche Hofhaltung mehrten den Reichtum der mittelalterlichen Stadt. Bereits unter Herzog Ernst dem Bekenner (1497 -1546) wurde der Grundriss der Stadt im Schachbrettsystem nach Süden hin gezielt erweitert.
Dieser bedeutende Renaissancefürst führte mit dem Theologen Urbanus Rhegius (1489-1546) seit 1526 behutsam und umsichtig die Reformation in Celle ein. Nach dem Augsburger Religionsfrieden im Jahre 1555 setzte sein Sohn, Herzog Wilhelm der Jüngere (1535-1592), den Aus- und Aufbau einer stabilen Landeskirche fort. Auch dessen Sohn, Herzog Ernst II. (1564-1611) widmete sich der Förderung des kirchlichen Lebens. Er berief Johann Arndt (1555-1621) als Generalsuperintendenten nach Celle und an die Stadtkirche. Arndt gehörte zu den bedeutendsten Gestalten des nachreformatorischen Protestantismus. Seine “Bücher vom wahren Christentum” und das in Celle entstandene “Paradiesgärtlein” wurden zu Bestsellern der christlichen Weltliteratur. Es sind Erbauungsbücher, die von der lutherischen Rechtfertigung allein aus Gottes Gnade ausgehen; dann aber die Ausprägung christlichen Lebens im Alltag fordern. Seine Bücher waren so gestaltet, dass auch vielbeschäftigte Bauern und Hausfrauen die kurzen Abschnitte lesen konnten. So wurde es schon im 17. Jahrhundert in immer neuen Auflagen weit über Deutschland hinaus verbreitet. Das Nachschlagewerk “Gestalten der Kirchengeschichte” resümiert 1993: “In der Frömmigkeitsgeschichte des Protestantismus bleibt er eine Größe, die noch von keinem anderen überboten worden ist.”
Eine letzte Blüte als Residenzstadt erfuhr Celle unter Herzog Georg Wilhelm (1624-1705). Der italienische Barockkünstler Giovanni Battista Tornielli stattete sowohl das Celler Schloss als auch die Stadtkirche mit kostbaren Stuckarbeiten im Stil des italienischen Hochbarocks aus.
Nach dem Erlöschen der welfischen Herzogslinie in Celle im Jahre 1705 blieb die Stadt jedoch die Generalsuperintendur in kurhannoverschen Landen erhalten. Der Generalsuperintendent Friedrich Jakobi (1712-1791) war ein beredter Prediger und vielseitiger Schriftsteller im aufgeklärten 18. Jahrhundert. Neben der Schaffung eines neuen Katechismus und einer Liedgutsammlung trat er als erster Direktor der Königlichen Landwirtschaftlichen Gesellschaft für die Verbesserung der Landwirtschaft und ihres Standes ein.
Die Wirren des Siebenjährigen Krieges, die Befreiungskriege sowie die Einverleibung des Königreiches Hannover in den preußischen Staatsverband im Jahre 1866 hinterliessen in der Bausubstanz Celles keine Spuren. Auch die beiden Weltkriege verschonten die Stadt weitgehend. Als ihr weithin sichtbares Wahrzeichen belebt erst seit 1913 der 74 m hohe Turm der Stadtkirche die Silhouette der Stadt.
Zur Baugeschichte der Stadtkirche
Die Entstehung der Stadtkirche reicht in die Zeit der Stadtgründung Celles, am Ende des 13. Jahrhunderts, zurück. Der die Fachwerkbauten der Stadt überragende Hohe Chor mit seinem 7/12-Schluss, den hohen Spitzbogenfenstern und dem mächtigen Ziegeldach ist der älteste noch erhaltene Baukörper des Gotteshauses. Er stellt gleichsam das grosse Haus unter den Häusern der Stadt dar. Die ursprünglich rein gotische, querschifflose, aus Backsteinen errichtete dreischiffige Hallenkirche wurde im Jahre 1308 “unserer lewen frowe” - der Jungfrau Maria - geweiht. Sie liegt auf einer Anhöhe zwischen Schloss, Altem Rathaus und Bürgerhäusern in unmittelbarer Nähe des Marktes und hat somit einen besonderen Platz im Herzen der Stadt und ihrer Einwohner.
Das Langhaus wurde während des 14. Jahrhunderts in mehreren Bauphasen errichtet, wie dieses die unterschiedlichen Jochgrössen zeigen. Während des 16. und 17. Jahrhunderts wurde die Kirche wesentlich umgestaltet. Der bis dahin sichtbare Backstein wurde innen wie aussen durch einen Wandverputz verdeckt. Das Mittelschiff hat fünf Joche, von denen die zwei westlichen in ihrer Ausdehnung grösser sind. Die heute im Innern der Kirche sichtbaren architektonischen Formen und Ausstattungsstücke wurde im Laufe der Jahrhunderte den jeweiligen Vorlieben und Strömungen der Zeit angepasst. Das macht das Ensemble vielfältig, ja vielseitig, und spiegelt somit in vielen Brechungen menschliche Geschichte und religiöse Entwicklungen.
Besonders die umwälzenden Neuorientierungen der nachreformatorischen Zeit und die Eingriffe des bis zum Jahre 1705 regierenden braunschweigisch-lüneburgischen Herzogshauses haben tiefe Spuren hinterlassen. Die in vorreformatorischer Zeit vorhandenen 17 Altäre wurden auf einen reduziert. In die Seitenschiffe wurden Emporen für die wachsende Gemeinde eingebaut, damit sie auch räumlich nahe an das von der Kanzel verkündete Wort rückte. Die prächtige Ausstattung des Hohen Chores übernahm das Herzogshaus, dem noch heute die Gruft als Grablege der Welfen gehört. Aber auch das die Kirche mittragende Bürgertum ist vielerorts präsent. Erst 1913 errichtete man vor dem Westwerk den die Silhouette der Stadt beherrschenden Kirchturm. Er nimmt die beschwingten Proportionen des barocken Dachreiters von Johann Caspar Borgmann aus dem Jahre 1717 auf und steigert die Grösse des Gotteshauses. Seit 1530 hatte die Kirche nur einen jetzt auf dem östlichen Dach befindlichen Dachreiter.