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Orgelnachrichten aus Oberschwaben – Teil VIII (Ende)
von Wolfgang Manecke

1900 – 2009

Was sich Ende des 19. Jahrhunderts schon angedeutet hatte, wird jetzt Normalität: Konfessionen, regionale Befindlichkeiten ("keine Aufträge an ausländische Orgelbauer") und Entfernungen von der Werkstatt zur "Baustelle" spielen immer weniger eine Rolle für Auftragsvergaben in Sachen Orgel. Im deutschen Südwesten, vor allem in Oberschwaben, kann man zu Beginn des 21. Jahrhunderts sogar von einer Orgel-Südschiene, von einer Drei Länder-Globalisierung sprechen: Deutsche Firmen arbeiten in Frankreich, Österreich und der Schweiz; Werkstätten von jenseits des Rheins und des Bodensees bauen Orgeln in Oberschwaben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Jahr 1906 beginnt eine oberschwäbische Erfolgsgeschichte: In Biberach gründet der tüchtige und ehrgeizige ALBERT REISER (1874-1947) eine Orgelbauwerkstatt. Er erwarb den verwaisten Betrieb – und den Kundenstamm - von ADOLF SCHEFOLD (1873-1905), dem chronisch unzuverlässigen Sohn von JOHANN BAPTIST SCHEFOLD (1843-1901). Sehr bald begriff ALBERT REISER, was der Markt zwischen Ulm und dem Bodensee verlangt: preisgünstige Gebrauchsorgeln für die Begleitung des Gemeindegesangs. Dass ALBERT REISER – wenn der Preis stimmte - auch künstlerisch wertvolle Instrumente bauen konnte, bewies er etwa 1913 mit einer handwerklich und klanglich beachtlichen Orgel in Dettingen an der Iller. Das Instrument ist erhalten. Über 70 Jahre lang, von 1915 bis um 1985 beherrschten ALBERT REISER und seine Söhne (GEBRÜDER REISER) den (katholischen) oberschwäbischen Markt. Die sich ausdrücklich als "katholisch" bezeichnende Werkstatt wurde eine der "repräsentativen Orgelbauanstalten in Südwesten" und baute knapp 500 Orgeln. Seit 1983 führt HANS-PETER REISER (geb. 1943) den Betrieb.

Einen beachtlichen Marktanteil in Oberschwaben hatte die 1851 gegründete Werkstatt LINK aus Giengen an der Brenz. Die Firma war "Marktführer" im überwiegend evangelischen Alb-Donau-Kreis und Ulm; zudem stammen die "evangelischen" Orgeln in den "katholischen" Landkreisen Biberach und Ravensburg in zwei Baugenerationen 1865-1900 und 1960-1980 hauptsächlich von LINK. Die Werkstatt heißt jetzt "Giengener Orgelmanufaktur Gebr. LINK GmbH" und wird seit Mai 2006 von THOMAS WOHLLEB geführt; sie ist derzeit nur noch sporadisch in Oberschwaben tätig. Zwischen 1887 und 1914 allerdings hatte die Firma ihre "quantitativ" produktivste Phase, während dieser Zeit wurden 484 Orgeln gebaut. Im Juli 2008 errichtete LINK opus 1085.

Bis 1990 entstanden im Raum Leutkirch-Wangen-Ravensburg rund 100 Orgeln in der Aichstetter (bei Leutkirch) Werkstatt von JOHANNES KARL (1916-1987). Seit 1987 leitet der Zahnarzt und Orgelbauer Dr. FRIEDRICH KARL (geb. 1951) den Betrieb, der heute hauptsächlich in Bayern tätig ist. Aus seiner alten Wirkungsstätte, erklärte Dr. KARL dem Autor, habe die Werkstatt sich wegen mißgünstiger Konkurrenten und eines ungerechtfertigt schlechten Rufs zurückgezogen.

Einen hervorragenden Ruf hingegen genießen die Schweizer Orgelbaufirmen KUHN und die Bonner Werkstatt KLAIS. Besonders hervorgetan hat sich die deutsch-schweizerische Arbeitsgemeinschaft bei der denkmalgerechten Restaurierung der beiden GABLER-Orgeln in Weingarten (1981-1983) und Ochsenhausen (2000-2004). Beide Werkstätten verfügen über wissenschaftlich ausgebildete Fachleute, KUHN wurde jahrzehntelang von dem renommierten Musikwissenschaftler, Orgelbauer und Organisten Dr. FRIEDRICH JAKOB geführt. KUHN und KLAIS haben in Oberschwaben auch mehrere Neubauten errichtet.

Etwas verblasst hingegen ist das Renommé der einstmals hochberühmten Werkstatt SPÄTH, die in den 1920er Jahren zu den führenden deutschen Orgelbauwerkstätten gehörte. Hatte die Firma bis um 1970/75 im Südwesten mehrere hundert Orgeln – nicht immer in bester Qualität – gebaut, so geriet die Ennetacher Werkstatt 1971, nach dem Tod von Dr. KARL SPÄTH, durch häufige Führungswechsel in Turbulenzen. Seit 2002 ist SPÄTH wieder in Familienbesitz; HARTWIG SPÄTH aus Hugstetten-March bei Freiburg kaufte die Firma zurück, schloss allerdings die Betriebsanlagen in Ennetach.

1985 trennte sich HARALD RAPP (geb. 1952), dessen Vater und Großvater bei SPÄTH gearbeitet hatten, von SPÄTH und machte sich in Ennetach selbsständig. Seitdem hat RAPP, der überwiegend als Alleinmeister arbeitet, rund zwei Dutzend Orgeln gebaut oder restauriert.

Gleichfalls abgenabelt hat sich EDUARD WIEDENMANN (geb. 1953) von seinem früheren Arbeitgeber REISER. 1979 gründete er in Oberessendorf-Eberhardzell (Landkreis Biberach) eine eigene Werkstatt, die er zusammen mit seinen beiden Söhnen erfolgreich betreibt.

Im württembergisch-badisch-hohenzollerischen "Dreiländerkreis" Sigmaringen spielte SPÄTH bis um 1971 die entscheidende Rolle. In den letzten Jahren verlorene Marktanteile zurückgewonnen hat die 1893 gegründete Orgelbaufirma STEHLE in Bittelbronn; die Werkstatt hatte bis zum Zweiten Weltkrieg den Orgelbau in Hohenzollern beherrscht.

Nicht unerheblich in der Region Pfullendorf-Messkirch-Bodensee ist die Bedeutung der Traditionsfirma MÖNCH in Überlingen. Die Firma hat seit ihrer Gründung 1875 durch XAVER MÖNCH im Bodenseeraum Orgelgeschichte geschrieben. Heute wird die Werkstatt gemeinsam von PETER (geb. 1952) und HANS MÖNCH geführt.

Gleichfalls in Überlingen ist EGBERT PFAFF (geb. 1944) zuhause. Der Sohn von EUGEN PFAFF führt die Tradition der 1873 von WILHELM AUGUST SCHWARZ in Überlingen gegründeten Werkstatt weiter.

Vereinzelt sind in Oberschwaben KLAUS KOPETZKY (geb. 1943 in Breslau, Werkstatt seit 1975 in Murr/an der Murr), NORBERT WYLEZOL (geb. 1954), Orgelbauer in Pfullendorf und HUBERT SANDTNER in Dillingen (geb. 1939) tätig. Letzterer hat einige oberschwäbische Denkmalorgeln – etwa Weissenau und Gutenzell – restauriert.

Ein ganz junges Unternehmen ist die Orgelbauwerkstatt Heiß in Vöhringen an der Iller. STEFAN HEISS macht sich hier 2002 selbständig. Der frisch gebackene Orgelbaumeister gewann 2003 den bayrischen Staatspreis. HEISS erhielt vor kurzem den Neubauauftrag für die katholischen Pfarrkirche in dem kleinen Städtchen Hettingen im Landkreis Sigmaringen. Eine einzige Orgel baute bislang ANDREAS WEBER (geb. 1963) aus Bollschweil im Markgräflerland.

Neben KUHN aus CH-Männedorf und RIEGER aus Ö-SCHWARZACH in Vorarlberg war auch ein französischer Orgelbauer in der Region tätig: IVES KOENIG (geb. 1950) aus Sarre-Union errichtete 1995 einen bemerkenswerten Neubau in der Stadtpfarrkirche Sigmaringen.

Beinahe noch bemerkenswerter ist die Herkunft der (fast) neuen Orgel in der St. Antonius-Kirche zu Bad Saulgau (Landkreis Sigmaringen): Im Internet entdeckten Kirchenmusiker eine Orgel aus dem Nachlass des namhaften ungarischen Komponisten und Dirigenten István Bogar. Der hatte sich im Jahr 2000 eine Hausorgel mit 17 Registern auf zwei Manualen und Pedal von Varadi und Sohn in Budapest bauen lassen. Disponiert "in Richtung klassischer französischer Orgelbau" von Professor István Koloss, dem Organisten der Stefanskathedrale Budapest. Am 1.März 2009 wurde das Instrument in der Antoniuskirche eingeweiht.

Mit diesem Beitrag endet zunächst das Thema "Orgeln in Oberschwaben".
Bei Gelegenheit schreibe ich wiedermal etwas aus dem "Dunstkreis" Orgel; da eignen sich besonders meine vielen Begegnungen mit zeitgenössischen Organisten.


Quellen und Literatur(Auszug):
- Christoph Naacke (Hrsg), 150 Jahre Orgelbau Link, Freiburg 2001
- Wolfgang Manecke/Johannes Mayr, Historische Orgeln in Oberschwaben, Bände I – III; Regensburg 1995, Ulm 1999, Lindenberg 2006
- Wolfgang Manecke/Johannes Mayr/Mark Vogl, Historische Orgeln in Oberschwaben und Hohenzollern-der Landkreis Sigmaringen; in Vorbereitung 2010
- kath. Kirchengemeinde St. Johannes Bapt. (Hrsg), Die Orgel in der Antoniuskirche, Bad Saulgau 2009


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