Ritter Rost, Aladin und Ali Baba trafen sich beim
Karneval der Tiere im Herforder Münster
Der 8. Herforder Orgelsommer vom 29.Juni bis zum 24. August 2008 stand unter dem Motto „Transkription und Improvisation“. So weit gespannt diese Begriffe sind, so war auch das Programm:
Faust mit Thomasz Nowak und dem Schauspieler Werner Rehm, „La Passion de Jeanne d'Arc“ mit Thomas Schmidt als live-begleitendem Organisten. Ein Konzert und ein Meisterkurs mit Jane Parker-Smith, die unfallbedingt beinahe ausfallen mussten mit Willibald Guggenmoos als spontan einspringendem Organisten und einem erstklassigen Abschlusskonzert des Kurses, in dem Jane Parker-Smith trotz eines Bänderrisses am Fuß gemeinsam mit Münsterkantor Stefan Kagl einen wilden Galopp auf die Tasten legte, ein Konzert, in dem Otto Maria Krämer spontan improvisierte, Anja David und Stefan Kagl mit Klavier und Orgel u.a. die Rhapsodie in Blue aufführten und Barbara Dennerlein sowohl in der Kirche als auch im Knast auf der Hammondorgel überzeugte.
Lyrik und Orgelimprovisation mit Reiner Kunze und Thorsten Maus gehörten ebenso dazu wie das Jubiläumskonzert der Hochschule für Kirchenmusik Herford mit jazzigen Rhythmen, gespielt von den Rektoren Uwe-Carsten Groß und Helmut Fleinghaus. Klassiker von Bach, Händel und Mozart boten Brigitte und Burkhard Ascherl mit ihrem Programm für Sopran und Orgel und zum Abschluss am 24.08. musiziert schließlich Stefan Kagl an der Orgel mit den Bläsern der Christuskirche in Herford ein Programm, das bezeichnenderweise mit dem Pomp und Circumstance Military March No.1 von Edward Elgar endet.
Das Familienkonzert am 3. August war einer der Höhepunkte des Orgelsommers. 600 große und kleine Besucher sind gekommen, um dem Schauspieler und Sprecher Fritz Stavenhagen und dem künstlerischen Leiter des Orgelsommers Stefan Kagl an der Orgel zu lauschen.
Sie wurden zunächst von Ritter Rost begrüßt, den Stefan Kagl mit dem Eingangsstück aus dem ersten Band der Reihe aufmarschieren ließ. Das rostige Scheppern des blechernen Ritters auf der Eisernen Burg wird von ihm auf der großen Münsterorgel ebenso improvisiert wie das metallene Gewitter um den Burgberg herum.
Der Einstieg mit dem Ritter-Rost-Thema lag nahe, denn zu Gast in diesem Orgelkonzert war Fritz Stavenhagen, dessen Stimme vor allen Dingen Familien mit Kindern aus den Ritter-Rost Musicals bekannt ist, in denen er den Erzähler spricht. Die Kombination von Orgel und Sprecher ist so gut gelungen, dass man in den gut 70 Konzertminuten kaum mal ein Kind (und übrigens auch keine Erwachsenen) hört.
Aladin und Ali Baba stehen in Vertonungen des amerikanischen Komponisten Roy Spalding Stoughton als nächstes auf dem Programm. Dazu trägt Fritz Stavenhagen zunächst jeweils eine Kurzfassung der Märchen vor, wobei der Sprachstil der Märchen nahezu unverändert bleibt. Die wandlungsfähige kraftvolle Stimme des genialen Sprechers lässt trotz der schwierigen Sprache auch bei den Kindern keine Unruhe aufkommen.
Stoughtons Fantasien aus den „Tales from Arabian Nights Suite for Organ“ entlassen den Geist aus der Flasche und illustrieren das Geheimnis der von Ali Baba entdeckten Höhle mit ihren Schätzen.
Beim Karneval der Tiere in der Orgelbearbeitung von Heinz-Peter Kortmann entspricht die Registrierung der Vielfalt der Fauna. Während Camille Saint-Saëns mit seinem Stück Anspielungen auf Eigenarten seiner Zeitgenossen verarbeitet hat, präsentierte auch der von Stavenhagen vorgetragene Text einige tierische Zeitgenossen, die scheinbar der eine oder andere Besucher des Konzerts auf aktuelle Herforder Verhältnisse bezogen hat. Neben Löwen, deren Fanfare hervorragend durch das Tuba-Register zur Geltung kommt, tanzenden Elefantinnen in der 32-Fuß-Bombarde und dem durch den Zimbelstern untermalten Vogelgezwitscher stürmen wilde Esel in die Kirche , Kritik schreibende Eulen und Mehlwürmer bereichern die Szenerie ebenso wie wohlbeleibte etwas selbstgefällige Bären und eine Schlange, die es auf den Marabu abgesehen hat, während sich eine Schar ältlicher Graugänse an der Musik der Fossilien erfreut, weil doch früher sowieso alles besser, nicht so laut und nicht so modern war.
Alles in allem war dieses Konzert trotz der für Familien relativ späten Uhrzeit ein rundherum gelungenes Ereignis, das beim überwiegend ostwestfälischen Publikum heiter überschwängliche Reaktionen hervorrufen konnte, die über ein stilles Schmunzeln doch weit hinausgingen.
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