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Die Klais-Orgel der Dreifaltigkeitskirche
in Aachen

Die Kirche wurde für regelmäßige Gottesdienste geschlossen, die Zukunft der Orgel ist noch ungewiss!


Der lange Weg zur neuen Klais-Orgel
Die im zweiten Weltkrieg zerstörte Dreifaltigkeitskirche erhielt nach ihrem Wiederaufbau 1955 auch eine neue Orgel: Die traditionsreiche Aachener Orgelbauanstalt Georg Stahlhuth errichtete eine vollmechanische Schleifladenorgel mit 22 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Dieses Instrument war ein typisches Kind der sogenannten "Orgelbewegung", einer nach 1900 beginnenden Reformbewegung, die sich verstärkt nach den Tagungen 1925 in Hamburg-Lübeck, 1926 in Freiburg und 1927 in Freiberg insbesondere an der norddeutschen Barockorgel (Arp Schnitger) orientierte und zunächst die barocke Dispositionsweise, später auch die Schleiflade und die mechanische Spieltraktur wiederentdeckte. Sie war eine Bewegung gegen die grundtönige übertechnisierte Orgel der Spätromantik. Parallel zur Orgelbewegung entwickelte sich ein entsprechendes Literaturverständnis, das die Orgelmusik der Romantik vernachlässigte bzw. ganz ausklammerte.

So stellte die Stahlhuth-Orgel von 1955 für Aachen einen wichtigen Akzent dar, denn in dieser Stadt wurden damals und bis in die letzten Jahre hinein Instrumente mit elektropneumatischen und elektrischen Spieltrakturen gebaut.Rund 30 Jahre lang tat die Stahlhuth-Orgel ihren Dienst in Gottesdienst und Konzert. Eine kostspielige Generalüberholung im Jahre 1974 verhalf vorübergehend zur Linderung prinzipbedingter Mängel, die schliesslich ab 1976 zu Neubauplänen führten. Folgende Überlegungen waren hierfür maßgebend:

• Das Instrument befriedigte konstruktiv und materialmässig nicht, 1955 mussten die meisten Orgelbauer die Konstruktion mechanischer Spieltrakturen erst wieder mühsam neu erlernen. Der hohe Tastendruck war für die Spieler zuletzt unzumutbar geworden, die laufenden Störungen (Heuler) ärgerten nicht nur den Organisten.

• Die pseudobarocke Disposition stellte stilistisch eine starke Beschränkung dar, die Orgelmusik des 19. Jahrhunderts war inzwischen aber wieder gefragt. Hierfür gab es in der Evangelischen Kirche Aachens kein Instrument.

• Um eine Chorempore zu erhalten, hatte man die Orgel hinsichtlich der Klangabstrahlung ungünstig hinten im Turmraum plaziert.

Klais-Orgel von 1987 - Spieltisch

Auch andere Instrumente aus dieser Zeit erwiesen sich als unzulänglich, so wurde z.B. die 1955 errichtete Totentanzorgel der St. Marienkirche zu Lübeck1986 durch einen Neubau ersetzt. Unsere Orgel ließ sich übrigens nicht mehr verkaufen, lediglich das Pfeifenwerk wird in einer ansonsten völlig neuen Orgel in der Christuskirche in Aachen-Haaren weiter klingen. Als neu gewählter Presbyter führte ich bereits am 2.10.1976 das erste offizielle Gespräch hinsichtlich eines Orgelneubaus, im Oktober 1977 ging der erste dreiseitige Antrag vom BFA (Bevollmächtigter Fachausschuss) für Gottesdienst und Kirchenmusik an den damaligen Verbandsvorstand der evangelischen Kirchengemeinden in Aachen, am 29.11.1977 stimmte dieses Gremium dem Projekt grundsätzlich zu. Die Bildung einer gegliederten Gesamtgemeinde begünstigte das für Aachener Verhältnisse kostspielige Vorhaben, so daß auch im neu geliederten Gesamtpresbyterium bereits am 20.6.1978 der Orgelneubau einstimmig beschlossen werden konnte. Der BFA für Gottesdienst und Kirchenmusik vertraute mir im August 1978 den Vorsitz eines Planungsausschusses an, dem die jeweiligen hauptamtlichen Kirchenmusiker, Herr Johannes Geffert auch nach seinem Wechsel nach Bonn, sowie Herr Wilhelm Bayerdörfer angehörten.

Das Konzept war von Anfang an klar: Eine dreimaualige Orgel mit ca. 45 Registern (erster Dispositionsentwurf vom Oktober 1978) konnte in der Dreifaltigkeitskirche nur mit Rückpositiv unter Aufgabe einer Chorempore verwirklicht werden. Schon meine erste Skizze zeigt die Anordnung der Teilwerke so, wie sie realisiert wurde. Haupt- und Schwellwerk im Turmraum, Pedaltürme seitlich, davor das Rückpositiv, beides bereits im Kirchenschiff. Nach Orgelbesichtigungen im Frühjahr 1979 wurden im Juni dieses Jahres drei namhafte Orgelbauer um Angebotsabgaben gebeten. 1980 geriet das Projekt in Gefahr, da zuerst der Bau von drei Gemeindezentren zu finanzieren war. Ein Gutachten des Orgel- und Glockenamtes der Landeskirche vom 2.10.1980 (Herrn Eumann sei Dank) verhinderte, daß die Neubaupläne ganz aufgegeben werden mussten. Gemäß Beschluß des Gesamtpresbyteriums vom 30.8.1983 nahm der Planungsausschuss seine Arbeit wieder auf, die vorliegenden Angebote wurden überarbeitet und ein weiterer Orgelbauer in den Wettbewerb einbezogen.Am 15.11.1983 fiel eine wichtige Entscheidung: Das Gesamtpresbyterium beschloss "grundsätzlich den Kauf einer neuen Orgel mit maximal 44 Registern" für 850.000 DM einschließlich Nebenkosten.

Der Planungsausschuss entschied sich im Januar 1984 für den Entwurf des Hauses Klais und begründete dieses ausführlich. Im März beschloss das Gesamtpresbyterium die Einbeziehung eines fünften Orgelbauers, dessen Angebot die Entscheidung des Planungsausschusses für Klais jedoch nicht mehr beeinflusste. So folgte das Gesamtpresbyterium am 29.5.1984 der Empfehlung bzw. Entscheidung des Planungsausschusses und sprach sich für die Auftragserteilung an die Firma Johannes Klais Orgelbau in Bonn aus. Der Vertrag wurde am 9.7.1984 unterzeichnet. Mit den Herren Hans Gerd Klais und Christoph Linde nahm der Planungsausschuss in unzähligen Sitzungen die Detailplanung auf. Um die Disposition und klanglichen Vorstellungen wurde immer wieder gerungen, oft bis in den späten Abend hinein. Die Orgel erhielt 44 klingende Register. Der immer wieder an den Planungsausschuss herangetragende Wunsch, die Registerzahl zwecks Kosteneinsparung zu verringern, scheiterte an unserem Ziel, ein ausgeprägtes Schwellwerk zu disponieren, die übrigen Teilwerke aber nicht zu vernachlässigen.

Das Hauptwerk, vom II. Manual aus anspielbar, bildet mit dem Prinzipalchor auf 8'-Basis das klangliche Ffundament und Rückgrat der Orgel. Die fünffache Miytur bis zum ½' stellt die Klangkrone dar, eine zweite Mixtur (Cymbel) konnte aus finanziellen Gründen nicht mehr realisiert werden. Der Weitchor ist in 16', 8' und 4'-Lage vertreten, wobei die weit mensurierte Offenflöte eine selten gebaute Besonderheit darstellt. Cornet 5fach und Trompete 8' können sowohl solistisch als auch chorisch verwendet werden. Das Rückpositiv, so benannt nach seiner Lage im Rücken des Organisten, wird vom I. Manual aus angespielt. Es basiert auf Praestant 4' und ist einerseits der klangliche Gegenspieler zum Hauptwerk (im Sinne der Literatur des 18. Jahrhunderts) und andererseits durch seine exponierte Lage im Raum und die vorhandenen Stimmen für Cantus-firmus-registrierungen bei Choralbearbeitungen prädestiniert. Die Bezeichnung "Cromorne" weist auf die französische Bauart dieses Registers hin. An das Hauptwerk angekoppelt, kann das Rückpositiv dieses verstärken und ergänzen, auch hinsichtlich der höherliegenden Klangkrone Scharff 4fach. Trakturabgänge des Spieltisches

Pfeifen des Rückpositivs Pedalwerk - Trakturen und Registerzugmagnete Das Schwellwerk (III. Manual) hat die höchste Registerzahl und trägt diesen Namen, weil das Pfeifenwerk in einem durch eine Jalousie verschließbaren Gehäuse steht. Der Spieler kann diese Jalousie mit einem Balanciertritt öffnen und schließen, so daß der Klang der gezogenenen Register stufenlos an- oder abschwillt. Das reich besetzte Schwellwerk ist im Gegensatz zum Hauptwerk und Rückpositiv eher der Literatur des 19.Jahrhunderts bis zur Spätromantik eines Max Reger zugeordnet. Entsprechend tief beginnt die fünffache Mixtur Plein jeu. Typisch für das Schwellwerk sind die Register Suavial als Streicher, Vox coelestis mit diesem zusammen als Schwebung, die Aliquote Nasard 2 2/3' und Terz 1 3/5', die zusammen mit 8', 4' und 2' ein Echo-Cornet bilden können; schließlich der reich ausgebaute Zungenchor in französischer Bauart. Sifflet 1' ist eine weitere kleine Klangkrone und kann mit 4' und 1 3/5' zum "Carillon" zusammengestellt werden. Das Pedalwerk basiert auf dem ab Fis im Prospekt stehenden Prinzipal 16', enthält Eng- und Weitchor bis zur 2'-Lage, eine vierfache Mixtur und zwei Zungenstimmen. Es kann somit fast allen Aufgaben gerecht werden und erforderlichenfalls durch Ankoppeln der Manuale ergänzt werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß jedes Teilwerk seinen spezifischen Charakter erhielt, in allen Teilwerken, auch im Rückpositiv, ausreichend Grundstimmen vorhanden sind und auf exotische Aliquote im Stil der fünfziger Jahre verzichtet wurde. Im Hinblick auf die geographische Lage Aachens ist eine behutsame Orientierung am französichen Orgelbau des 19. Jahrhunderts durchaus zu verantworten. Die Intonation in dem akustisch keineswegs optimalen Raum bedurfte besonderer Sorgfalt.Die Spieltraktur ist mechanisch, die Registratur elektrisch mit 32 Setzern ausgeführt. Wir meinten, aus lediglich ästhetischen Gründen auf diese sinnvollen Spielhilfen nicht verzichten zu müssen. Mechanische Registerzüge mit überlagerter eletromagnetischer Betätigung erschienen uns zu kostspielig. Der Spieltisch lehnt sich in seiner Form an Cavaillé-Coll'sche Vorbilder an, jedoch sind die Registerzüge für Pedal- und Hauptwerk links, Rückpositiv und Schwellwerk rechts angeordnet. Das Radialpedal entspricht der BDO-Norm. Neben dem Jalousieschweller für das dritte Manual gibt es einen programmierbaren Registerschweller für das gesamte Werk, die Betätigung erfolgt jeweils über Balanciertritt.

Der in die unter Denkmalschutz stehende Kirche behutsam hineinkomponierte Prospektentwurf geht auf den leider tödlich verunglückten Josef Schäfer zurück, der zahlreiche Klais-Orgeln geprägt hat. Der klare Werkaufbau zeigt in der Mitte das Rückpositiv, darüber das Hauptwerk, daneben rechts und links die Pedaltürme, aufgeteilt in C- und Cis-Lade. Hinter dem Hauptwerk, etwas tiefer gelegen, befindet sich das Schwellwerk, das als einziges Werk nicht direkt in das Kirchenschiff klingt, was dem Charakter eines Schwellwerkes entgegenkommt. Der Spieltisch ist an den Unterbau des Hauptwerkes angebaut und ermöglicht dem Spieler eine gute Klangkontrolle.

Das Gehäuse ist bis auf die großflächigen Füllungen, die furniert wurden, in Eiche massiv ausgeführt. Die Tönung wurde auf die Farbgebung des Raumes abgestimmt. Schlichte Holzbretter übernehmen die Funktion von Schleierbrettern, die nicht nur der optischen Auffüllung der Freiräume über den Prospektpfeifen dienen, sonder auch klangbeeinflussende Funktion haben. Die neue Orgel soll nach unseren Vorstellungen und denen des Erbauers ganz bewusst in Klang, Material und Kontruktion eine Orgel von 1987 sein, sie ist keine Universal-Orgel, sondern orientiert sich an zwei bedeutenden Epochen der Orgelmusik: Der Zeit Johann Sebastian Bachs (klassische Orgel) und dem Bereich der Orgelromantik mit einem besonderen Bezug auf den französischen Orgelbau. Sie ist keine Stilkopie in historisierender Bauweise, so interessant und reizvoll solche Instrumente in bestimmten Sonderfällen auch sein mögen. Der Planungsausschuss hat seine Arbeit nach 9 Jahren beendet und hofft, daß die neue Klais-Orgel von der Gemeinde und den Orgelmusikfreunden angenommen wird. Möge sie häufig erklingen in Gottesdiensten und Konzerten, zur Freude der Gemeinde und der Musikfreunde, vor allem aber: Soli deo gloria!

Hans-Dieter Voss


Heutiger Zustand
Die Orgel schweigt seit 2003 und wurde zwecks Behebung von Bauschäden im Gurtbogen teildemontiert und gut eingepackt.

Die Kirche wurde zum 1. August 2006 "stillgelegt", wird aber Heiligabend und für Konfirmationen noch genutzt. Sie steht unter Denkmalschutz.


Disposition

Hier finden sie die Dispostion der Orgel - speziell für Gastorganisten beschreiben wir hier auch technische Details sowie die räumliche Anordnung der Spielanlage.

Die dargestellte Disposition entspricht der tätsächlichen Anordnung der Registerzüge am Spieltisch. Die Klaviatur befindet sich in der Mitte zwischen Hautpwerk/Pedal und Schwellwerk/Rückpositiv.

II.Hauptwerk C - g'''

Pedal C - f'

III.Schwellwerk C - g'''

I. Rückpositiv C - g'''

1. Bourdon 16'
2. Prinzipal 8'
3. Offenflöte 8'
5. Octave 4'
6. Rohrflöte 8'
7. Quinte 2 2/3'
8. Cornet V ab g' 8'
9. Superoctave 2'
10. Mixtur 5fach 2'
11. Trompete 8'

12. Prinzipal 16'
13. Subbass 16'
14. Octave 8'
15. Spitzflöte 8'
16. Tenoroctave 4'
17. Rohrpfeife 2'
18. Hintersatz IV 2 2/3'
19. Posaune 16'
20. Trompete 8'

21. Holzprinzipal 8'
22. Suavial 8'
23. Vox coelestis 8'
24. Prinzipal 4'
25. Flûte octaviante 4'
26. Nasard 2 2/3'
27. Waldflöte 2'
28. Terz 1 3/5'
29. Sifflet 1'
30. Plein jeu V 2 2/3'
31. Basson 16'
32. Trompette harmonique 8'
33. Hautbois 8'
34. Clairon 4'
Tremulant

35. Gedackt 8'
36. Rohrflöte 8'
37. Quintadena 8'
38. Praestant 4'
39. Blockflöte 4'
40. Prinzipal 2'
41. Larigot 1 1/3'
42. Sesquialter II 2 2/3'
43. Scharff IV 1 1/3'
44. Cromorne 8'
Tremulant

44 Register (36 Labialregister, 8 Zungenregister)
3021 Pfeifen (2873 Metallpfeifen, 148 Holzpfeifen)
Längste Pfeife 4,90m - Kürzeste Pfeife 9mm
Tiefste erreichbare Frequenz: 32,7Hz - Höchste Frequenz: 12.558Hz
Länge aller Verbindungen zwischen Spieltisch und Pfeifen: 850m
Maße (Breite x Höhe x Tiefe): 7,50m x 7,20m x 6,60m
Gesamtgewicht: 13t
mechanische Spieltraktur, elektrische Registratur

Spielhilfen:
32-fache Setzerkombination , aufgeteilt in 4x8 Gruppen "1A", "1B", "1C"...bis "4H" bedienbar durch Druckknöpfe unterhalb des 2. Manuals und 8 Pedalpistons
kein Sequenzschalter
Jalousieschweller,
Registerschweller
Koppeln: I-II, I-P, II-P mechanisch,
III-II, III-I, III-P elektrisch

Disposition: Hans-Dieter Voss, Hans-Gerd Klais, Lutz Felbick, Johannes Geffert

Mensuren: Josef Luthen, Christoph Linde

Intonation: Siegfried Merten

Prospekt-Entwurf: Josef Schäfer