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Die Orgel der Ev. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde Berlin-Lichtenberg

Geschichte der Prinzessin Anna Amalie von Preußen und die Musik
Der Bau der Amalien-Orgel
Der Verbleib der Amalien-Orgel
Heutige Disposition
Perspektiven - Handlungsbedarf
Perspektiven - Bisherige Schritte
Perspektiven - Weitere Schritte
Perspektiven - Schlussgedanken


Geschichte der Prinzessin Anna Amalie von Preußen und die Musik
Die heute in der evangelischen Kirche Berlin Karlshorst stehende Amalien-Orgel wurde 1755 von Peter Migendt und Ernst Marx für Prinzessin Anna Amalia von Preußen erbaut.

Prinzessin Amalie von Preußen, geboren im November 1723, ist eines von 14 Kindern aus der Ehe Friedrich Wilhelm des I. (auch genannt „Soldatenkönig“) mit Sophie Dorothea und die jüngste Schwester Friedrich II. Mit dem Jahr 1740, der Thronbesteigung Friedrich II., lässt sich geregelter Musikunterricht für Anna Amalia nachweisen: Ab 1758 leistet sie sich dann einen fest angestellten, persönlichen Musiklehrer: den seit 1751 in preußischen Diensten stehende bedeutenden Musiker und Musiktheoretiker, den Bach-Schüler Johann Philipp Kirnberger.

Kirnberger, bis zu seinem Lebensende Lehrer der Prinzessin, beeinflußt Amalie musikalisch stark in die Richtung bachscher Polyphonie und des alten Kontrapunkt. Amalie sammelt Handschriften von Bach, ihr verdanken wir den Erhalt eines Großteils der Werke von Johann Sebastian Bach.

Doch inzwischen ist die Musikentwicklung weitergegangen. Einer von Bachs Söhnen, Carl Philipp Emanuel Bach – seit 1741 Kammercembalist bei Friedrich II. – kommt als bedeutender Vertreter des empfindsamen Stils nach Berlin.


Der Bau der Amalien-Orgel
Der Auftrag zum Bau der Haus-Orgel Amaliens ging im Jahr 1755 an die Werkstatt Peter Migendt, Meisterschüler des Joachim Wagner, der wiederum der Silbermannschule entstammt. Die enge Werkstatt-gemeinschaft mit seinem Schwager Ernst Marx erschwert die genaue Zuordnung der Orgel zu ihrem Erbauer. Denn: Marx listet später die Amalien-Orgel als sein Opus 1 auf; vielleicht handelt es sich um sein Meisterstück. Es erscheint aber unwahrscheinlich, dass ein Orgelbauer den Auftrag für seine erste Orgel ausgerechnet vom preußischen Hof erhielt.

Die Orgel mit 22 klingenden Stimmen kommt im sogenannten Balkonzimmer des Berliner Schlosses zur Aufstellung. Bereits zum ihrer Erbauung ist die Idee eines Hausorgelbaus etwas antiquiert. Doch Ironie der Geschichte: Einer von Bachs Söhnen, Carl Philipp Emanuel Bach ist seit 1741 Kammercembalist bei Friedrich II. in Berlin und ein bedeutender Vertreter des empfindsamen Stils. Er schreibt für dieses eigentlich nicht mehr moderne Instrument nun Orgel-Sonaten in modernster Manier, versehen mit folgender Widmung:

„Diese 4 Orgelsolos sind für eine Prinzessin gemacht, die kein Pedal und keine Schwierigkeiten spielen konnte, ob sie sich gleich eine schöne Orgel mit 2 Clavieren und Pedal machen ließ, und gerne darauf spielte.“

Als Anna Amalie 1767 ein eigenes Palais (des Palais Unter den Linden, es stand dort, wo sich heute die russische Botschaft befindet) erwirbt, wird die Amalien-Orgel dorthin umgesetzt.

Nachdem sich die Prinzessin in ihr 1772 erworbenes Venozobr'sche Palais in der Wilhelmstraße im Jahr 1776 eine zweite, größere Orgel von Ernst Marx hatte bauen lassen, wurde die Amalien-Orgel im Palais Unter den Linden nicht mehr hinreichend gepflegt.


Der Verbleib der Amalien-Orgel
Am 30. März 1787 starb Anna Amalia. Die Orgel wurde an den adeligen Gutsbesitzer von Voss für die Schlosskirche in Buch (heute ein Ortsteil von Berlin) verschenkt. Möglicherweise spielte dabei eine Rolle, dass dessen Tochter, Julie Amalie Elisabeth von Voss, gerade mit König Friedrich Wilhelm II. eine morganatische Ehe eingegangen war – übrigens mit Zustimmung der Königin. Für die Orgel musste die Bucher Schlosskirche umgebaut werden, die Orgelempore wurde abgesenkt und ein Portal zugemauert.

Nach und nach geriet die Geschichte der Orgel in Vergessenheit. Anlässlich der Überlegungen zu einer Restaurierung der Bucher Barockkirche stellte man fest, dass die Orgel für die Bucher Schlosskirche viel zu groß war und beschloss, sie durch ein passenderes Instrument zu ersetzen. Bei der Untersuchung der Orgel fand der Orgelbauer Hans Joachim Schuke einen Zettel mit der Aufschrift "Migendt 1756" und stellte fest, dass es sich um die Orgel der Anna Amalia von Preußen handelte. Daraufhin kaufte der Gemeindekirchenrat von St. Marien und St. Nicolai, Berlin-Mitte, die Bucher Orgel mit dem Ziel, sie als Zweit-Orgel in St. Nicolai aufzustellen.

Die Umsetzung in die Nikolai-Kirche Berlin-Mitte stagniert, und die Orgelteile werden zwischen-, bzw. 1943 ausgelagert. Dies rettet der Amalien-Orgel das Leben, wird sie doch nicht zusammen mit der Nikolai-Kirche zerstört. Auch die beiden vorherigen Standorte, das Palais Unter den Linden und die Bucher Schlosskirche, überstehen den 2. Weltkrieg nicht.

1955 setzt sich Propst Heinrich Grüber dafür ein, die nun „heimatlose“ Orgel der Gemeinde Karlshorst zu schenken. Diese nämlich muß auf eine Verwüstung ihres Kirchenraumes durch russische Besatzer in der Zeitspanne 1945 bis 1955 schauen: die Inneneinrichtung ist zerstört, und so auch die zur Erbauungszeit der Kirche im Jahr 1910 gebaute romantische Sauer-Orgel.

Die 1960 erfolgte Aufstellung der Orgel in der Kirche „Zur frohen Botschaft“ Berlin Karlshorst ist ein Glücksfall, fügt sie sich doch optisch wie vor allem klanglich ideal in diesen Raum ein.


Heutige Disposition

Hauptwerk C, Cis bis f ³

Oberwerk C, Cis bis f ³ Pedal C, Cis bis d¹
Principal 8’
Viola di Gamba 8’
Bordun 16’
Rohrflöte 8’
Octave 4’
Quinte 3’
Octave 2’
Mixtur 4fach 1 1/3’
Trompete 8’
Principal 4’
Quintadena 8’
Gedackt 8’
Gedackt 4’
Nassat 3’
Waldflöte 2’
Sifflöte 1’
Vox humana 8’
Subbaß 16’
Octavbaß 8’
Octavbaß 4’
Posaune 16’
Trompete 8’

Manualkoppel (als Gabelkoppel)
Pedalkoppel, Tremulant
a 1 = 440 Hz ab 1960 (original war der Kammerton)
Stimmung: Kirnberger III,2
C bis c außer G Zinn alt, Rest neu Zinn altC bis Dis Holz neu, ab E Zinn altZinn altZinn alt (bis h 1 als Rohrflöte, danach offen)Zinn altZinn alt, c² bis f ³ neu(Fa. Schuke) 1960 neu


Perspektiven - Handlungsbedarf
Die Umsetzungen der Amalien-Orgel bedeuteten immer eine Belastung für die Substanz des Instrumentes. Besonders zu erwähnen ist die Zeit von 1939 bis 1960, als die Orgel ausgelagert war und dann nach Karlshorst kam. Es ist vieles abhanden gekommen, einiges geändert. Unter den durch die Kohleheizung, die inzwischen durch eine hervorragende Kirchenheizung abgelöst worden ist, verursachten Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen hat die Amalien-Orgel wohl am meisten gelitten. Es zeigen sich seit einiger Zeit leider Probleme, die auch an manchen Tagen schon für jedermann hörbar sind: witterungsbedingt treten sog. ‚Durchstecher' auf, als leise Heuler zu hören. Im alten Eichenholz der Windladen (dem Herz der Orgel) haben sich Risse gebildet, und wir wissen, dass sich dieses Problem verstärken wird.


Perspektiven - Bisherige Schritte
Bei ersten Gesprächen im Gemeindekirchenrat wurde deutlich, dass die Kirchengemeinde befürwortet, die Frage einer Reparatur und Restaurierung der wertvollen Amalien-Orgel in Angriff zu nehmen. Im Jahr 2003 wurde der Förderkreis Amalien-Orgel e. V. gegründet, 2004 die Orgelkommission, die aus GKR- und Vereinsmitgliedern wie auch aus Orgelexperten besteht. Gemeinsam wird überlegt, was notwendig, machbar, wünschenswert ist. Von Anfang an steht die Frage im Raum: wenn schon Reparatur, warum dann nicht eine konsequente, nachhaltige Restaurierung der Amalien-Orgel?

Nach dem Vorliegen der 60-seitigen Dokumentation zum Ist-Zustand der Amalien-Orgel im März des Jahres 2006 wurde ein Leistungsverzeichnis erstellt, aus dem hervorgeht, welche Wege beschritten werden sollen. Es dienst als Grundlage für eine Ausschreibung der Restaurierung der Amalien-Orgel.

Am 22. Mai des Jahres 2006 besuchen die Orgelexperten der Orgelkommission die Firma Schuke in Werder. Es geht darum, die vor dem Einbau der Amalien-Orgel 1960 in die Kirche Karlshorst zugunsten von neuen Zungenstimmen (Trompete 8' und Vox humana 8') entfernten Labialregister Flöte dolce 8' (Hauptwerk) und Salicional 8' (Oberwerk) in Augenschein zu nehmen, die dort über die Jahre hin aufbewahrt wurden und also erhalten sind. Die Bedeutung dieser Tatsache ist nicht hoch genug einzuschätzen. Heißt dies doch, dass eine Rückführung in die Originaldisposition sogar mit originalem Pfeifenmaterial möglich ist. Die zwischenzeitlich nicht angerührten, dort lagernden Pfeifenreihen können uns außerdem helfen bei der Beantwortung von Fragen z. B. zum originalen Winddruck, zur originalen Stimmtonhöhe und zur Temperierung. Da der Erhaltungszustand der gelagerten Pfeifen unterschiedliche Qualität aufweist, wird sich zu gegebener Zeit entscheiden, wie mit der Rückführung der Pfeifen in die Amalien-Orgel zu verfahren ist. Sollten Pfeifen durch sehr schlechten Zustand z. B. des Holzes nicht mehr verwendbar sein, lassen sich aber doch die Mensuren (Baumaße) abnehmen für eine Rekonstruktion. Lediglich bei dem vor 1960 auch ausgebauten dritten Register Bassflöte 8' (Pedal) ist keine Pfeife erhalten; die Gedankenarbeit läuft schon, wie hier zu verfahren sein könnte.

Am 06. November des Jahres 2006 diskutieren der Orgelsachverständige der Landeskirche, Michael Bernecker, und Beate Kruppke als Organistin mit dem Gemeindekirchenrat über inhaltliche Fragen, die sich Mitglieder aus GKR und Gemeinde stellen, zum Beispiel, welche Auswirkungen die Rückführung des Stimmtones ½ Ton unter 440 Hz für die Kirchenmusikpraxis in der Gemeinde haben würde. Deutlich wird in diesem Gespräch, wie wichtig es ist, dass die Mitglieder des Gemeindekirchenrates willens sind, sich in den zur Entscheidung stehenden Fragen gründlich kompetent zu machen. Als Ergebnis der Sitzung erging an die Orgelkommission der Auftrag des Gemeindekirchenrates, Angebote von geeigneten Orgelbaufirmen einzuholen, und zwar 1. für eine Restaurierung des Instrumentes und 2. für eine Generalinstandsetzung mit dem Schwerpunkt der Reparatur der Windladen.

Die erste Jahreshälfte 2007 wurde genutzt, um Angebote von Orgelbaufirmen zur Restaurierung der Amalien-Orgel einzuholen. Die Besuche der Firmen an der Amalien-Orgel ergeben neue und interessante Möglichkeit, ins Gespräch über grundlegende wie auch differenzierte Fragen des Themas "Restaurierung" zu kommen. Wir suchen weiter und tiefer nach wegweisenden Spuren. Immer und immer wieder wägen wir ab: konsequente Rückführung in den Originalzustand oder Bewahrung des sog. "gewachsenen Zustandes"? Wohl ist es naheliegend, dass eine Rückführung in sehr vielen Punkten die sinnvollste Lösung ist, vor allem auch aus ästhetischen und klanglichen Gründen. Doch jeder einzelne Schritt wird uns letztendlich immer wieder zwischen den o.g. Polen wandern lassen. Und dies ist gut so. Denn die Arbeiten, die andere Generationen vor uns gemacht haben, sind teilweise ernst zu nehmen. Und unsere Verantwortung ist groß: werden doch wiederum auch zu unseren Eingriffen an der Orgel nachfolgende Generationen Stellung beziehen.


Perspektiven - Weitere Schritte
Die weiteren Schritte könnten so aussehen:
· Die Orgelkommission sichtet die eingegangenen Angebote. Ggf. werden vertiefende Ge-spräche mit einigen Firmen gehalten, denn die Kommission möchte "mit den anbietenden Orgelbauern ins Gespräch kommen, so dass in den Entscheidungs- vorgang ... auch die Orgelbaufirma mit ihrer handwerklichen und künstlerischen Kompetenz eingebunden ist."
(Zitat Leistungsverzeichnis)
· weiterhin so oft wie möglich bzw. wie notwendig öffentliche Diskussion über das Restaurierungskonzept · Kompetentmachung des Gemeindekirchenrates durch Gespräche, schriftliche Informationen (z. B. über andere bedeutende Orgelprojekte), Sondersitzung(en) direkt an der Amalien-Orgel
· Genehmigungsverfahren in den Denkmals- und Kirchenbehörden
· Auftragserteilung (eventuell im Jahr 2008)
· Bildung einer Arbeitsgruppe Finanzierung / Öffentlichkeitsarbeit usw.


Perspektiven - Schlussgedanken
Die Amalien-Orgel – ein Instrument mit außerordentlicher Ausstrahlungskraft – hat teils verschlungene, schicksalhafte Wege hinter sich; sie hat Bewahrung und sie hat Veränderung erfahren. Und nun, im Anbruch des neuen Jahrtausends und im 3. Lebensjahrhundert dieser Orgel, entscheiden wieder Menschen über die weiteren Geschicke dieser Orgel.

Um zu schildern, was uns in unserer Arbeit, im Nachdenken, was zu tun ist und im Wissen um unsere Verantwortung für Gedanken und Gefühle bewegen, sei hier aus „Der Laden“ von Erwin Strittmatter zitiert:

„Vom Menschen angefertigte Dinge haben oft eine längere Lebensdauer als er selbst. Viele hundertjährige Kunstwerke beweisen es. Wenn man nachforscht, erkennt man, dass sie, um überleben zu können, bestimmt Umstände brauchten, die wir Glück nennen.“

Wir möchten diesem Glück nicht im Wege stehen.