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Die Orgel der Neuapostolischen Kirche Stuttgart Bad Cannstatt

Konzeption
Die "alte" Orgel
Heutige Disposition

Konzeption

Die alte Kirche in Bad Cannstatt, an derselben Stelle 1916 erbaut, besaß ab 1934 eine Pfeifenorgel der Firma Steirer, Bietigheim. Dieses Instrument wurde immer wieder verändert und vergrößert. 1971 wurden elektrische Schleifladen mit einer völlig umgestalteten Disposition eingebaut, das ursprünglich spätromantische Klangbild wurde durch neobarocke Farben aufgehellt. 1987 wurde wieder ein Salicional und 1995 ein Schwellkasten eingebaut, die die Helligkeit ein wenig eindämmten. Vor dem Abriß der Kirche 2012 besaß das Instrument schließlich keinen homogenen Gesamtklang und keine klare Ausrichtung mehr, dafür aber 20 Register mit 2 Mixturen und 3 Zungen. Ein Großteil des Freipfeifenprospekts mit ehemals klingenden Pfeifen war stumm und nach mehrfachem Umbau nur noch Attrappe.

Der Neubau der Kirche ist deutlich kleiner als die alte Kirche, es ist ungefähr die Hälfte der Sitzplätze weggefallen. Im elliptischen Grundriß befindet sich zum einen Scheitel hin der Altarraum, ihm gegenüber auf der Empore am anderen Scheitel die Orgel. Als hinterer Abschluß der Empore wurde eine Art Konzertmuschel in schwarz eingebaut, die hellen Prospektpfeifen des Freipfeifenprospekts zeichnen sich deutlich davor ab. Gleichzeitig läßt der Prospekt durch nicht lineare und lose Pfeifenstellung den Blick in das Innere und in die Technik der Orgel zu, wodurch der Ansicht Tiefe gegeben wird.

In die Konzeption flossen einerseits der dringende Wunsch aus der Gemeinde, die verwertbaren Teile der alten Orgel weiterzuverwenden, als auch Überlegungen zur Orgellandschaft ein. In der Kirche Stuttgart-Süd befindet sich eine romantische, barockisierte Orgel der Firma Weigle von 1926, in Stuttgart-Ost wurde nach spätbarocken Dispositionsanklängen die Orgel auf 3 Manuale neu aufgebaut, in Ditzingen wurde eine italienisch-barocke Disposition realisiert, in Kornwestheim ist eine kleine französisch-romantische Orgel in Planung. Mit dem vorhandenen Pfeifenmaterial in Bad Cannstatt, das bis ins Jahr 1934 zurückreicht, schien daher eine deutsch-romantische Disposition mit vielen Klangfarben im Grundstimmenbereich im Vergleich mit den benachbarten Kirchen schlüssig.
Die Stilistik wird ein wenig dadurch ergänzt, daß die vorhandenen drei Zungenstimmen integriert wurden, was nun auch z.B. französische Musik des 19. Jahrhunderts leichter darstellbar werden läßt, und daß die Mixtur des Hauptwerks auf 1 1/3' steht. Das Plenum erhält dadurch mehr Helligkeit, auch barocke Werke lassen sich so besser darstellen. Durch einen kleinen Kunstgriff wurde es auch möglich, Aliquotregistrierungen zu ermöglichen. Die als Vorabzug geplante Octave 2' wurde aus der Mixtur herausgenommen. Da die Mixtur ab c' einen Terzchor enthält, kann mit der Mixtur nun ein in die obere Quinte erweiterte Sesquialter, eine Art Hörnle, registriert werden. Zusammen mit der Octave 2 (und Grundstimmen 8' und 4') läßt sich ab c' ein helles Cornett spielen.

Der Aufbau der Orgel ist schlicht, direkt über dem Spieltisch hinter dem mittleren Prospektbereich steht die chromatische Windlade des Hauptwerks, hinter dem Stimmgang folgt das ebenfalls chromatische Schwellwerk. Beide Windladen sind von 1971. Das Pedal steht nach C und Cs geteilt links und rechts des Hauptwerks.

Die Spielanlage ist mittig in den Unterbau eingeschoben. Das Hauptwerk wird vom II. Manual, das Schwellwerk vom III. Manual aus angespielt. Manual I ist ein Koppelmanual, das beide Werke vereinigt. Zusätzlich stehen für das Schwellwerk zwei Oktavkoppeln zur Verfügung, die das Schwellwerk dem Hauptwerk ebenbürtig machen und auch auf 16'-Basis stellen sollen.
Die Registeranordnung links und rechts der Klaviaturen ist übersichtlich, logisch und gut zu bedienen. Alle gängigen Kombinationen können mit einem Griff gezogen werden. In der inneren senkrechten Reihe der Züge links stehen die Prinzipale und die für das Plenum wichtigen Register übereinander. In der äußeren Reihe stehen Gambe, Bourdon und Rohrflöte, damit immer zwei häufig gemeinsam zu ziehende Register übereinander liegen, zuunterst Trompete. Dasselbe Prinzip verfolgt auch die Anordnung der rechten Seite mit den Registern des obersten Manuals. Die Koppeln sind als Tritte zu bedienen.

Den Neubau realisierte die Firma Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth, March-Hugstetten. Auf drei Manualen und Pedal stehen somit 19 Register zur Verfügung, alle Pfeifen mit Ausnahme der Prospektpfeifen in der vorderen Reihe sind gebrauchte Pfeifen, ebenso sind die Windladen von Haupt- und Schwellwerk der Vorgängerorgel entnommen.

Andreas Ostheimer


Die "alte" Orgel

In der 1916 neu erbauten Kirche befand sich zunächst ein zweimanualiges Harmonium. 1925 konnte eine Kleinorgel angeschafft werden, über die heute nichts mehr bekannt ist. 1934 wurde von der damaligen Firma Franz Steirer, Bietigheim (später Steirer-Stahl) eine Orgel mit 13 Registern auf pneumatischen Kegelladen eingebaut. Möglicherweise wurde dazu gebrauchtes Material verwendet; dies lässt sich aber nicht mehr klären.
1953 musste die Kirche erweitert werden. Dabei wurde auch die Orgel um einige Register vergrößert. Der Prospekt erhielt zusätzliche Felder mit Holzpfeifen. 1961 wurde der Kirchenraum erneut umgestaltet. Dabei wurde die Orgel um ein weiteres Register ergänzt und erhielt den bis zu ihrem Abbau bestehenden Prospekt. Sie verfügte nun über 24 Register in folgender Disposition:

1. Manual 2. Manual Schwellwerk Pedal
Quintade 16' Geigenprinzipal 8' Subbaß 16'
Prinzipal 8' Portunalflöte 8' Quintade 16' (TM I)
Bourdon 8' Aeoline 8' Oktavbaß 8'
Flöte 8' Celesta 8' Cello 8'
Gamba 8' Prinzipal 4' Oktave 4'
Oktave 4' Traversflöte 4' Posaune 16'
Rohrflöte 4' Oktave 2'  
Waldflöte 2' Zimbel 3f.  
Mixtur 4f.    
Trompete 8'    


Die Orgel im Jahr 1938

Im Laufe der 1960er Jahre verschlechterte sich der Zustand des Instrumentes immer mehr. Nach anfänglichen Überlegungen, die Orgel nur mit geringstmöglichem Aufwand spielbar zu erhalten und sie ggf. durch ein elektronisches Instrument zu ersetzen, entschloß man sich zu einer grundlegenden Überarbeitung des Instrumentes.
So wurde die Orgel 1971 vollständig abgetragen, mit neuen Schleifladen für die Manuale (außer Prinzipal 8') und neuem Spieltisch versehen und im Klangbild verändert. Während die Orgel bis dahin noch spätromantische Züge aufwies, wurde nun ein dem Zeitgeschmack entsprechender, an barocken Vorbildern orientierter Klang angestrebt.
Die Orgel verfügte nun noch über 19 Register. Neu gebaut wurden für das Hauptwerk (1. Manual) Oktave 4', Rohrflöte 4', Mixtur 2' 4-5f. und für das Oberwerk (2. Manual) Holzgedeckt 8', Gemsquinte 1 1/3' und Oboe 8'. Außer dem noch verwendeten Material verblieben im Prospekt, der nur noch etwa zur Hälfte klingend war, Reste von nicht mehr genutzten fünf Registern.
1987 erfolgte eine Ausreinigung, technische Überholung und Nachintonation. Das Oberwerk wurde durch ein Salizional 8' ergänzt und erhielt einen Tremulant, für den bereits seit 1971 ein Druckknopf im Spieltisch vorhanden war.

Ab 1993 wurde das Instrument von der Firma Hehl Orgelbau, Murr, gestimmt und gewartet. 1995 konnte durch den Einbau eines Schwellkastens für das zweite Manual, Neuintonation etlicher Register, Geräuschdämmung der Gebläsemotoren und technische Verbesserungen eine wesentliche Aufwertung des Instrumentes insbesondere im Hinblick auf den Gebrauch im Gottesdienst erreicht werden.


Die Orgel im Jahr 2012

Mit der Entscheidung zum Bau einer neuen Kirche waren auch die Tage der Orgel gezählt, da sie aufgrund des durch die zahlreichen Umbauten inhomogenen Klanges und der teilweise veralteten Traktur in ihrer Gesamtheit nicht erhaltenswert war und ohnehin an die neue Kirche hätte angepasst werden müssen. Am 23. September 2012 fand der letzte Gottesdienst in der „alten“ Kirche statt. Bereits an den darauf folgenden zwei Tagen wurde die Orgel von der Firma Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth, die den Auftrag zum Bau der Orgel für die neue Kirche erhalten hatte, abgebaut und in deren Werkstatt in March-Hugstetten eingelagert.

Letzte Disposition der Orgel

Hauptwerk I Schwellwerk II Pedal
Prinzipal 8' Holzgedeckt 8' Subbaß 16'

Bourdon 8'

Salizional 8' Oktavbaß 8'
Oktave 4' Prinzipal 4' Quintade 8'
Rohrflöte 4' Blockflöte 4' Choralbaß 4'
Waldflöte 2' Oktave 2' Posaune 16'
Mixtur 4-5f. 2' Gemsquinte 1 1/3'  
Trompete 8' Zimbel 3f. 1/4'  
  Oboe 8'  
  Tremulant  

Spielhilfen:
Koppeln II/I; I/P; II/P
2 freie Kombinationen
3 feste Kombinationen (Vorpleno, Pleno, Tutti)
Registerwalze

Traktur: elektrische Schleifladen (Manualwerke außer Prinzipal 8'), elektropneumatische Kegelladen (Flachventilladen) (Pedal und Prinzipal 8')

Thomas Köngeter

Heutige Disposition
erbaut 2015 - Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth, March-Hugstetten

Manual I Koppelmanual Manual II Hauptwerk Manual III Schwellwerk Pedal
  Lieblich Gedeckt 16' Flötenprincipal 8' Subbaß 16'
  Principal 8' Flauto amabile 8' Oktavbaß 8'
  Bourdon 8' Salicional 8' Gedecktbaß 8' Fortführung aus Subbaß
  Gamba 8' Vox coelestis 8' Posaune 16'
  Octave 4' Traversflöte 4'  
  Rohrflöte 4' Oboe 8'  
  Octave 2' Tremulant  
  Mixtur 3-4fach 1 1/3'    
  Trompete 8'    

Koppeln:
Koppelmanual auf I; Super III/III; Sub III/III; III/P; II/P

Traktur: mechanisch
Lade: Schleiflade


Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Ostheimer und Thomas Köngeter
Foto: Freiburger Orgelbau - Fotos alte Orgel (1938/2012): Thomas Köngeter
OI-S-85
weiterführende Links:

Webseite Neuapostolische Kirche Stuttgart-Bad Cannstatt

Informationen zur Orgel auf der Webseite der Gemeinde



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