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Ich gieng einmal spatieren
Tastenmusik von Hans Leo Haßler

Interpret: Jan Katzschke
Label: Querstand

Ein Wanderer zwischen den Welten war Hans Leo Hassler, zwischen der evangelischen Welt seiner Geburtsstadt Nürnberg (Leonhard Lechner und Friedrich Lindner) und der katholischen Welt seiner Studienzeit in Venedig (Andrea und Giovanni Gabrieli, Gioseffo Zarlino, Claudio Merulo u.a.), zwischen den Fuggern in Augsburg (Organist) und Nürnberg (Oberster Musicus) und Dresden (Kammerorganist), zwischen einem Leben als Organist (Teilnehmer an der Orgelprobe in Gröningen 1596), Komponist (evangelischer Choral, franko-flämischer polyphoner Stil, italienisch homophone Madrigale und mehrchörige Werke, Motetten, Messen und vieles mehr), Musikautomatenbauer und von Ulm aus Geschäftsmann im Silber- und Kupferbergwerkhandel und Geldverleiher u.a. für den Kaiser, der ihn dafür 1595 in den Adelsstand erhob. Gewandert sind auch die Texte seiner Melodien, aus Mein Gemüth ist mir verwirret wurde Herzlich tut mich verlangen, aus dem geistlich Lied, von Adam und Eva Ich gieng einmal spatieren im Ton: Ich weiß ein stolze Müllerin (Ju He!) wurde Von Gott will ich nicht lassen. Eine unsterbliche Melodie, über 450 Jahre alt, ein Lied über Adam, Eva und den Sündenfall, über die Menschwerdung Christi und die wiedergewonnene Freude an der Natur. Den Text (nach Ernst Moritz Arndt) findet man dankenswerterweise im Booklet.

Mit den31 Variationen zu dieser Melodie schuf Hassler zu seiner Zeit, lange vor Sweelincks und Scheidts Lehrtätigkeit und Steigleders 40 Variationen über Luthers Vaterunser-Lied, ein unvergleichliches Standardwerk clavieristischer  Kunstfertigkeit. Für diese seine bedeutendste Instrumentalkomposition benötigt Katzschke mehr als 35 Minuten, monumentale 35 Minuten unaufhörlicher Inventio, Dispositio, Elaboratio, Decoratio, Elocutio und Executio, fesselnd von Minute zu Minute überlegter Choralsatz und figurierter Satz, nachdenklich bis virtuos wechselnd, mal gering-, mal vollstimmig, mal auch in scheinbarer Mehrchörigkeit in einem einzigartig planvoll durchdachten dramaturgisch geschlossenen Spannungsbogen von vielschichtiger kompositorischer und emotionaler Tiefgründigkeit. Vielleicht waren diese Variationen das Modell zu Bachs Goldberg-Variationen, ebenso ein Kompendium der Stilmittel und gleichfalls in 31 Sätzen?

Dem immensen Anspruch der spieltechnischen Anforderungen dieses Gipfelwerkes der Spätrenaissance genügt der Dresdener Organist Jan Katzschke mit dem ihm eigenen Feuereifer wie überlegener Gestaltung, der Hörer könnte schier atemlos werden! Drei weitere Kompositionen Haßlers, die dessen italienische Einflüsse und seine Vielseitigkeit widerspiegeln, geben einen Einblick in seine Formenkunst. Auf einem Regal (Kopie eines Nürnberger Instrumentes von 1600) erklingen eine Canzon und ein chromatisches Ricercar, auf einer Zuberbier-Orgel von 1754 (rest. 2011) das Magnificat 4. Toni in der Alternatimpraxis  der Vesper um 1600, hierbei ergänzt Katzschke die ungeraden Verse als Sänger. Nur empfehlenswert? Nein, fesselnd und begeisternd!

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
März 2016 / September 2016


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