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„Singen ist das Fundament zur Music“
Ostönner Orgelsommer am 27. Juli 2019 um 17 Uhr in St. Andreas Soest-Ostönnen

Intavolierungen und Diminutionen von gesungener Musik für Orgel aus dem 16. und 17. Jahrhundert

Als Georg Philipp Telemann 1718 in einem Brief an Johann Mattheson nach dem Wesenskern von Tonkunst sucht und dabei auf das „Singen“ als „Fundament zur Music in allen Dingen“ stößt, beruft er sich auf eine sehr alte Erkenntnis: Die menschliche Stimme gilt seit jeher als valides Zeichen für Leben und als Ur-Grund des Musikalischen. Damit ist sie notwendigerweise auch der entscheidende Ideengeber für instrumentale Klänge.
Der Begriff „Orgel“ beansprucht in diesem Zusammenhang einen Akt der „Instrumentwerdung“ von menschlicher Stimme: Rein etymologisch verweisen ursprüngliche Bezeichnungen wie „Organon“ und „Organum“ nämlich bestenfalls auf den Status eines „Hilfsmittels“ zur Erzeugung musikalischer Laute. Aus dem Bewusstsein für diesen Charakter betitelt Elias Nikolaus Ammerbach seine Sammlung von Orgelstücken auch sehr allgemein als „Orgel- oder Instrument-Tabulatur“ von „Stücklein und Muteten“.
Seit Anbeginn der Instrumentalmusik üben Vokalkompositionen einen magischen Reiz auf Instrumentalisten aus, und in der Übertragung gesungener Gattungen auf Tasteninstrumente besteht – nicht zuletzt mit Blick auf die Verlebendigung der toten Materie, aus der die Instrumente gebaut sind – seit jeher die Königsdisziplin jedes Komponisten und Spielers.

Das Programm mit Wolfgang Kostujak widmet sich in diesem Sinne der Umschrift vokaler Kompositionen aus den Federn Johann Wannmachers, Orlando di Lasssos, John Dowlands und Jehan Chardavoines für Orgel, teils vom Interpreten selbst, teils von berufenen Geistern wie William Byrd, Eustache Du Caurroy oder Girolamo Frescobaldi.
Das Alter der Idee, die Klänge des Gesangs auf Instrumente zu übertragen, führt, zusammen mit der Ursprünglichkeit des Singens selbst, zwangsläufig zum ältesten spielbaren „Organon“ der Welt. Also nach Ostönnen.
So sehr Intavolierungen gesungener Figuralmusik seit dem Hochmittelalter instrumentalspezifische „Coloraturen“ – für Sänger unmögliche, halsbrecherische Verzierungen – erzeugen, so sehr deutet das Telemann-Zitat in der Titelzeile unseres Konzertes darauf hin, dass man sich im Leben immer (mindestens) zweimal sieht. Spätestens im 18. Jahrhundert verkehren sich nämlich die Voraussetzungen: Ab jetzt gilt der Gesang als Vorbild für die Ornamente der Instrumentalisten. Georg Philipp Telemann schreibt in diesem Zusammenhang 1728 von den „sangbaren Manieren“, derer sich die Instrumentalmusiker nach Möglichkeit „befleißigen“ sollten.
In dem Verhältnis zwischen gespielter und gesungener Musik dominiert über viele Jahrhunderte offenbar eine vitale Wechselbeziehung, und der erste Spatenstich für die Orgel von Ostönnen fällt in den vielleicht aufregendsten Moment gegenseitiger Wertschätzung zwischen Sängern und Instrumentalisten.

Sicher ist – nach Telemann – nur so viel:
„Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen.
Wer die Composition ergreifft / muß in seinen Sätzen singen.
Wer auf Instrumenten spielt / muß des Singens kündig seyn.
Also präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein.“
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Pressemeldung des Freundeskreises H. Reineke
weiterführende Links:

Die Orgel in St. Andreas Soest-Ostönnen