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Die Orgel der Dorfkirche in Jacobsdorf-Petersdorf
Opus 13 – die Heinze-Orgel in Petersdorf
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Opus 13 – die Heinze-Orgel in Petersdorf
von Annegret Paelecke
Wer die Dorfkirche in Petersdorf betritt, begegnet einem Raum, in dem viele Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben. Der kleine Feldsteinbau stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Das große Abendmahlsgemälde stammt aus dem 16./17. Jahrhundert, die hölzerne Kanzel entstand im frühen 17. Jahrhundert. Gegenüber dem Altar, auf der Westseite der Kirche, steht schließlich ein deutlich jüngerer Schatz: die Orgel des Orgelbauers Friedrich Ernst Gustav Heinze aus dem Jahr 1907.1
Über den beiden Manualen sitzt noch das kleine emaillierte Firmenschild: „G. Heinze, Orgelbau-Anstalt Sorau N/L., Opus 13.“ Die Werknummer lässt sich damit unmittelbar am Instrument ablesen. Die Petersdorfer Orgel ist ein frühes Werk aus Heinzes eigener Werkstatt und gehört zu den wenigen erhaltenen Instrumenten dieses Orgelbauers in Brandenburg.2
Die Orgel ist klein. Sechs Register verteilen sich auf zwei Manuale und Pedal. Hinzu kommen drei Koppeln und Spielhilfen wie Tutti, Windprobe und Calcantenruf. Das Instrument besitzt pneumatische Kegelladen.3
So viel zunächst zur Technik. Die Geschichte hinter diesen sechs Registern führt nach Sorau – und zu einem Orgelbauer, der 1907 noch am Anfang seiner eigenen Werkstatt stand.
Von Neuzelle über Ladegast und Sauer nach Sorau
Friedrich Ernst Gustav Heinze wurde 1874 in Sorau in der Niederlausitz geboren. Sein Weg zum selbstständigen Orgelbauer führte ihn durch einige der bedeutendsten Werkstätten seiner Zeit. Sein Handwerk erlernte er von 1889 bis 1892 bei Robert Uibe in Neuzelle. Danach arbeitete er unter anderem bei Herrmann Stiller in Breslau, Friedrich Ladegast in Weißenfels und Wilhelm Sauer in Frankfurt an der Oder. Bei Sauer war Heinze 1894 an der großen Orgel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin beteiligt.4
1904 gründete Heinze in Sorau seine eigene Orgelbau-Anstalt. Als drei Jahre später die Petersdorfer Orgel entstand, befand sich der Betrieb noch in seinen Anfängen. Später beschäftigte Heinze zeitweise rund 30 Mitarbeiter und lieferte seine Instrumente unter anderem nach Schlesien und in die Mark Brandenburg.
Etwa 230 Orgeln baute Heinze neu oder um. Typisch für seine Instrumente waren Kegelladen mit pneumatischen, später auch elektropneumatischen Trakturen.5
Die Petersdorfer Orgel, Opus 13, stammt damit aus einer besonders frühen Phase seines Schaffens.
Sechs Register und eine wechselvolle Geschichte
Auch an der Orgel ging das 20. Jahrhundert nicht spurlos vorüber. Im Ersten Weltkrieg mussten 1917 ihre Prospektpfeifen für Kriegszwecke abgegeben werden. Später wurden sie durch Zinkpfeifen ersetzt.6
Mit den Jahrzehnten verschlechterte sich die Spielbarkeit des Instruments. 1994 führte die Orgelwerkstatt Scheffler aus dem benachbarten Sieversdorf notwendige Arbeiten aus, um wenigstens ein eingeschränktes spielen wieder zu ermöglichen. Das Pfeifenwerk wurde demontiert und gereinigt, gegen Holzwurmbefall behandelt und Teile der pneumatschen Anlage instandgesetzt. Außerdem erhielt die Orgel ein elektrisches Gebläse.7
Eine vollständige Wiederherstellung war das nicht. Das erste Manual konnte wieder gespielt werden; das zweite Manual und die Koppeln blieben außer Funktion. Die vorhandene Beschreibung der Petersdorfer Orgel hält entsprechend fest, dass Scheffler das erste Manual wieder instand setzte.
Zuletzt war die Heinze-Orgel im Jahr 2010 zu hören. Seither ist es still geworden auf der Westseite der Petersdorfer Kirche.
Als das Instrument 2013 erneut fachlich untersucht wurde, zeigte sich erheblicher Erhaltungsbedarf. Die Orgel war stark verschmutzt. Farbe, die sich von der Kirchendecke löste, gelangte in die offenen Holz- und Metallpfeifen. Pfeifen verstimmten sich oder gaben teilweise keinen Ton mehr von sich. Auch eine Öffnung zum Dachboden oberhalb der Orgel sorgte für zusätzlichen Schmutzeintrag.8
Damals wurde bereits eine umfangreiche Wiederherstellung der Spielbarkeit vorgeschlagen. Dazu kam es jedoch nicht. Was heute notwendig wäre, um das Instrument umfassend zu sanieren und wieder spielbar zu machen, müsste auf Grundlage seines gegenwärtigen Zustands neu untersucht und bestimmt werden.
Wenn der Orgel die Luft ausging
Zur Geschichte der Orgel gehören nicht nur Werknummern, Register und Reparaturen, sondern auch die Menschen im Dorf. Ältere Petersdorfer erinnern sich noch daran, dass sie während des Gottesdienstes den Blasebalg treten mussten. Bevor die Orgel ein elektrisches Gebläse erhielt, musste jemand die Bälge bedienen und damit den Wind erzeugen, den die Pfeifen zum Klingen brauchen. Ohne den Bälgetreter ging der Orgel buchstäblich die Luft aus.
Am Spieltisch erinnert bis heute der „Calcantenruf“ an diese Zeit. Da der Organist während des Gottesdienstes den Bälgetreter nicht einfach rufen konnte, gab er ihm mit dem Calcantenruf das Signal, wenn Wind benötigt wurde. So verband diese kleine Spielhilfe den Organisten am Spieltisch mit dem Helfer, der für den nötigen Orgelwind sorgte. Der Calcantenruf ist bis heute am Petersdorfer Instrument vorhanden.9
Einige der Petersdorfer Bälgetreter haben noch eine andere Spur hinterlassen. Mit Bleistift verewigten sie sich auf der Innenseite der Tür zum Orgel- beziehungsweise Pfeifenraum. Ihre Namen sind unscheinbarer als das emaillierte Firmenschild oder die Registerzüge, erzählen aber ebenso viel über die Geschichte des Instruments: Die Orgel war nicht nur Ausstattung der Kirche, sondern Teil des dörflichen Alltags.
„Wie ein Auto, das nur auf einem Zylinder fährt“
Bei einem erneuten Treffen mit der Orgelwerkstatt Scheffler im Mai 2025 – einem nachbarschaftlichen Freundschaftsdienst – ging es um den aktuellen Zustand des Instruments. Auch Scheffler sieht in der frühen, in wesentlichen Teilen erhaltenen Heinze-Orgel ein besonders erhaltenswertes Instrument.
Scheffler beschrieb ihren Zustand mit einem anschaulichen Vergleich: Die Orgel sei „wie ein Auto, das sechs Zylinder hat, aber nur auf einem fährt“.
Das Bild passt zu der kleinen Orgel mit ihren sechs Registern. Das Instrument ist vorhanden, ein großer Teil seiner historischen Substanz ebenfalls – doch nutzen lässt sich davon gegenwärtig nur noch ein Bruchteil.
Auch 2025 zeigte sich die Orgel stark verstaubt. Hinweise auf einen aktuell aktiven Holzwurmbefall gab es nicht. Dafür hatten Mäuse im Inneren der Orgel Lederteile angeknabbert. Auch die Manuale brauchen Zuwendung; die Tasten und die dahinterliegende Technik müssten wieder gangbar gemacht werden.
Eine gründliche Reinigung und kleinere Sicherungsarbeiten, mit „Staubsauger und Klebeband“, so Scheffler, könnten helfen, den gegenwärtigen Bestand zu schützen und weiteren Verfall aufzuhalten. Gemeint ist damit ausdrücklich keine Reparatur oder umfassende Sanierung des Instruments.10
Was notwendig wäre, um die Heinze-Orgel eines Tages wieder vollständig zum Klingen zu bringen, steht auf einem anderen Blatt. Dafür müsste ihr heutiger Zustand fachlich aufgenommen und der Umfang einer Sanierung neu bestimmt werden.
Die Orgel und das Haus, das sie schützt
Die Heinze-Orgel steht nicht für sich allein. Auch die Dorfkirche Petersdorf braucht Aufmerksamkeit. An Teilen des Daches und am Ostgiebel stehen Sanierungsarbeiten aus. Der freistehende hölzerne Glockenstuhl ist baufällig; die historischen Glocken sind derzeit stillgelegt.11 Damit stellt sich die Frage nach den Prioritäten. Welchen Platz kann die Erhaltung einer Orgel einnehmen, wenn zugleich an dem Gebäude und seinem Ensemble dringende Arbeiten notwendig sind?
Vielleicht führt die Gegenüberstellung von Kirche und Orgel jedoch in die falsche Richtung. Schon der Zustand der Orgel zeigt, wie eng beides miteinander verbunden ist. Staub und sich lösende Farbe aus dem Kirchenraum wirkten unmittelbar auf das Instrument. Eine historische Orgel lässt sich auf Dauer nur erhalten, wenn auch das Gebäude erhalten wird, das sie seit mehr als einem Jahrhundert beherbergt.
Umgekehrt erzählt die Orgel etwas darüber, weshalb diese Kirche bewahrenswert ist. Der mittelalterliche Feldsteinbau schützt nicht nur sich selbst. In ihm haben sich Kunstwerke und Ausstattungsstücke verschiedener Jahrhunderte erhalten: das Abendmahlsgemälde, die historische Kanzel, die Glocken – und eben auch ein frühes Instrument Friedrich Ernst Gustav Heinzes.
Seit mehr als 700 Jahren haben Menschen in diesem Raum Gottesdienst gefeiert, geheiratet und getauft, ihrer Toten gedacht und die Glocken geläutet. Jahrhundert um Jahrhundert kam etwas hinzu und wurde Teil der Geschichte dieses Ortes. Seit 1907 gehörte auch der Klang der Heinze-Orgel dazu. Petersdorfer traten ihren Blasebalg, damit sie erklingen konnte, und manche hinterließen dabei mit Bleistift ihren Namen hinter einer Tür.
Seit 2010 schweigt die Orgel.
Ob sie eines Tages wieder erklingen kann, ist offen. Zunächst geht es darum, das zu bewahren, was noch vorhanden ist – an der Orgel ebenso wie an der Kirche, die sie schützt.
Quellen
Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Brandenburg, 2000, S. 762.
Orgelwerkstatt Christian Scheffler: Angebot für die Heinze-Orgel in Petersdorf, Angebot Nr. 32/13, Sieversdorf, 18. November 2013.
Heinze (Orgelbauerfamilie), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Heinze_(Orgelbauerfamilie), zuletzt besucht am 25.08.2026.
Dorfkirche Petersdorf (Jacobsdorf), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Petersdorf_(Jacobsdorf), zuletzt besucht am 25.08.2026.
Hinweise und Belege
Infobrief des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e. V., August 2026.
Fotografien der Dorfkirche Petersdorf und der Heinze-Orgel, © Christian Paelecke.
Gespräch mit Konrad Scheffler, Orgelwerkstatt Scheffler, Sieversdorf, Mai 2025; eigene Gesprächsnotizen.
1. Vgl. Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Brandenburg, 2000, S. 762; Dorfkirche Petersdorf (Jacobsdorf), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Petersdorf_(Jacobsdorf), zuletzt besucht am 25.08.2026.
2. Vgl. Dorfkirche Petersdorf (Jacobsdorf), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Petersdorf_(Jacobsdorf), zuletzt besucht am 25.08.2026.
3. Vgl. Dorfkirche Petersdorf (Jacobsdorf), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Petersdorf_(Jacobsdorf), zuletzt besucht am 25.08.2026.
4. Vgl. Heinze (Orgelbauerfamilie), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Heinze_(Orgelbauerfamilie), zuletzt besucht am 25.08.2026.
5. Vgl. Heinze (Orgelbauerfamilie), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Heinze_(Orgelbauerfamilie), zuletzt besucht am 25.08.2026.
6. Vgl. Dorfkirche Petersdorf (Jacobsdorf), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Petersdorf_(Jacobsdorf), zuletzt besucht am 25.08.2026.
7. Orgelwerkstatt Christian Scheffler: Angebot für die Heinze-Orgel in Petersdorf, Angebot Nr. 32/13, Sieversdorf, 18. November 2013.
8. Orgelwerkstatt Christian Scheffler: Angebot für die Heinze-Orgel in Petersdorf, Angebot Nr. 32/13, Sieversdorf, 18. November 2013.
9. Vgl. Dorfkirche Petersdorf (Jacobsdorf), Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dorfkirche_Petersdorf_(Jacobsdorf), zuletzt besucht am 25.08.2026.
10. Gespräch mit Konrad Scheffler, Orgelwerkstatt Scheffler, Sieversdorf, Mai 2025; eigene Gesprächsnotizen.
11. Infobrief des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e. V., August 2026; darin Wiedergabe des Beitrags aus epd-Wochenspiegel Ost Nr. 28/2026 vom 06.07.2026 zur Dorfkirche Petersdorf. |
Disposition
| Manual I |
Manual II |
Pedal |
| Principal 8' |
Salicional 8' |
Subbass 16' |
| Gedeckt 8' |
Portunal 8' |
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| Oktave 4' |
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Koppeln: II/I; I/P; II/P
Spielhilfen: Tutti, Windprobe und Calcantenruf.
Das Instrument besitzt pneumatische Kegelladen.
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Kontakt
Evangelische Jakobus Kirchengemeinde im Odervorland
Gemeindebüro
Friedensstraße 8
15518 Briesen (Mark) OT Biegen
Telefon: 033608/290 (mit AB)
E-Mail: jakobus-odervorland(at)ekkos.de
Adresse der Dorfkirche Petersdorf
Sieversdorfer Straße 19c, 15236 Jacobsdorf OT Petersdorf
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mit freundlicher Genehmigung der Kirchengemeinde
Text: Annegret Paelecke
Fotos: Christian Paelecke
OI-B-184 - veröffentlicht: 24.09.2026 |
weiterführende Links:
Webseite der Kirchengemeinde |
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