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Jehan Titelouze - Les Messes retrouvées Vol. 1

Interpreten: Ensemble Les Meslanges, Leitung: Thomas von Essen, Francois Ménissier (Orgel)
Instrument: Orgue de Champcueil
Label: paraty


Erst vor drei Jahren entdeckte Laurent Guillo in der Bibliothèque de Fels im Institut Catholique de Paris 26 Kompositionen aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts, darunter zwei vier- und zwei sechsstimmige Messen von Jehan Titelouze (1563 – 1633). Diese Entdeckung war sensationell, denn dass Titelouze Kompositionen für Vokal- und Instrumentalbesetzungen geschrieben hat, war zwar überliefert, aber seit Jahrhunderten waren sie nicht mehr greifbar. Titelouze amtierte seit 1588 an der Kathedrale von Rouen in der Normandie. Bisher waren nur seine Hymnen (1623) und Magnificat-Versetten (1626) bekannt, die als die ersten französischen Beiträge zu einer speziellen Orgelmusik gelten müssen. Auch als Orgelexperte hat er Spuren hinterlassen, so wurden die Orgeln der Kathedrale 1601 (16‘-Instrument mit einem Terzregister, Flöten und Zungenstimmen) und die in der benachbarten Abteikirche Saint-Ouen 1630 nach seinen Plänen durch Crespin Carlier gebaut (8-Fuß-Instrument mit zwei Manualen zu 48 Tasten und einem selbstständigen Pedal mit 12 Tasten), sie gründeten sich auf flämische Renaissance-Instrumente.

Auf dieser CD erklingen die sechsstimmige Missa Cantate und die vierstimmige Missa In Ecclesia, kombiniert sind sie mit dem Hymnus Pange lingua und dem Magnificat Secundi toni, deren Alternatim-Orgelversetten Francois Ménissier auf der Orgel von Dominique Thomas (2010, III/33, mitteltönig) in Champcueil (Essone Department) spielt, während die Alternatim-Vokalversetten in Sätzen des Maître de Chapelle an der Sainte-Chapelle du Palais in Paris Jean de Bournonville (c 1585 – 1632) im Fauxbourdon-Stil, bzw. in einem mehr polyphonen Satzstil erklingen. Diese Sätze gehören ebenfalls zu den 2016 von Laurent Guillo wieder aufgefundenen Kompositionen, was die Aufnahme hervorragend abrundet.

Thomas von Essen besetzt sein Ensemble Les Meslanges neben den Vokalstimmen mit colla-parte mitlaufenden Zinken, Posaunen und Serpent, aber ohne Generalbass. Diese Besetzung ist zwar historisch verbürgt, die Instrumente dominieren aber klangmächtig und lassen den Text in den Hintergrund rücken. Nur im Benedictus und an wenigen anderen Stellen erklingt das Ensemble a cappella, aber auch hier ist die Textaussprache gewöhnungsbedürftig unklar, was auch noch zusätzlich erschwert wird, da eine Textwiedergabe im Booklet, das sonst gute Informationen bietet, fehlt.

Francois Ménissier unterteilt die Magnificat-Orgelversetten mit verschiedenen Registrierungen in zwei Teile, was die Sätze ja auch nahelegen, sein Spiel ist temporeich virtuos, aber sehr kurz artikuliert. Mit treffenden Verzierungen versieht er zudem Titelouze‘ Sätze.

Der Satzstil der Messen ist polyphon wie im Zeitalter der Spätrenaissance üblich, ein Aufbruch zu neuen barocken Klängen noch nicht intendiert. Bemerkenswert bleibt: Hieronymus und Michael Praetorius waren bereits Geschichte, als Titelouze seine Messen schrieb, Giovanni Gabrieli, Hans Leo Hassler, Claudio Monteverdi waren seine Zeitgenossen, bis in die Normandie muss der Weg weit gewesen sein.
Da es schlichtweg zu wenig Quellen von der damaligen Aufführungspraxis gibt und damit die Wiederbelebung dieser Musik noch in den Anfängen steckt, verdient diese Einspielung eine hohe Akzeptanz. Es bleibt zu hoffen, dass noch etliche Einspielungen dieser Musik in unterschiedlichen Interpretationen folgen werden, um in eine bessere Diskussion um ihre Aufführungspraxis eintreten zu können. Der Ausnahmewert dieses Repertoires allerdings berechtigt, diese Einspielung sehr zu empfehlen!


Rainer Goede - für www.orgel-information.de
März 2019 / September 2019


Diese CD ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
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